Lernraum Stadt

Projektion der Kriegstoten in Osnabrück (1914-1918) auf ihre letzten Wohnadressen.

Was ist unter dem Lernraum Stadt zu verstehen und was macht ihn aus?

Der Lernraum Stadt ist als offenes Konzept im Kontext lebenslangen Lernens zu begreifen, der im Unterschied zu Lernräumen wie Schule, Museum oder Gedenkstätte etwa nicht von vorne herein als solcher eingerichtet worden ist, sondern als authentischer Ort didaktisch geöffnet wurde.

Die Idee vom Lernort bzw. Lernraum hat sich seit den 1970er Jahren als Versuch einer „Entgrenzung des Lernens“ über die Öffnung solcher authentischen Orte entwickelt. Dabei qualifiziert sich ein Ort als Lernort vor allem durch seine Gestaltung, wenn mit pädagogischen Eingriffen die Möglichkeit zum Wissenserwerb geschaffen wird.

Historische Lernorte lassen sich grob in vier Kategorien fassen als

(1) Schauplätze geschichtlicher Ereignisse,

(2) durch Vergangenes strukturell geprägte Orte,

(3) durch geschichtliche Veränderung hervorgebrachte Orte sowie

(4) als Orte präsentierter bzw. gedeuteter Geschichte.

Es zeigt sich dabei eine beachtliche Bandbreite möglicher Lernorte, die von Schlachtfeldern (Typ 1) über Kulturlandschaften (Typ 2) bis zu Marktplätzen (Typ 3) und Museen (Typ 4) reicht. Lernorte stellen deshalb sehr unterschiedliche Anforderungen an ihre Betreuenden wie auch an Besuchende. Für deren möglichst selbstbestimmte Aneignung von historischem Wissen ergeben sich drei zentrale Herausforderungen:

Erstens hat sich die Verbindung einer Mikro- und einer Makroperspektive als zentral dafür erwiesen, eine Brücke zu schlagen zwischen einer Erfahrungsgeschichte, also Erzählungen individueller Personen aus der Vergangenheit, und der Modellierung rahmender sozialer bzw. gesellschaftlicher Prozesse, also einer vereinfachten Kontextualisierung dieser subjektiven Erfahrungsschilderungen. Zweitens erfordert der Blick auf das Sterben der Soldaten und auf die dadurch in deren Herkunftskontexten im Stadt- und Familienumfeld ausgelösten individuellen und kollektiven Prozesse mehr als eine Konzentration auf scheinbar zentrale Plätze, wie ‚Kriegerdenkmäler‘, Friedhöfe, Kirchen oder militärisch konnotierte Orte, etwa Kasernen oder Aufmarschplätze. Denn es geht um ein Geschehen, das die Stadtgesellschaft mit einem wachsend dichten Netz von Erfahrungs- und Handlungsräumen überzieht, und soziale Praktiken hervorbringt. Der historische Ort ist somit tatsächlich überall. Drittens handelt es sich um ein Phänomen, das die Gesellschaft quer durch ihre soziale Schichtung durchzieht und bei dem die Quellenlage, also die Überlieferung von Dokumenten, Fotographien, Erzählungen usw., nicht allein durch die zeitliche Distanz und breite Lücken, sondern auch durch spezifische Praktiken der Überlieferung des Privaten geprägt ist.

Einzelne Lernorte sollen so über die verschiedenen Stationen zum Lernraum Stadt erweitern werden. Damit wird Raum, konzeptuell verstanden als Arrangement von „Lebewesen und sozialen Dingen an Orten“, zu einem zentralen Parameter.

Ansätze zur Erschließung der Stadt als Lernraum in Ergänzung einer inhaltlichen und pädagogischen Aufwertung einzelner Orte sind in Osnabrück, wie anderenorts, bereits seit mehreren Jahrzehnten zu beobachten. Stadtführungen und Veröffentlichungen, die geschichtliche Prozesse im Stadtraum verorten, zählen zu den frühen Versuchen einer solchen Umsetzung. Exemplarisch sei für Osnabrück verwiesen auf das Programm Mit dem Nachtwächter durch Osnabrück  oder die Broschüre Und mittendrin ein Rathaus. Die sogenannten Stolpersteine, also die auch in Osnabrück realisierte Markierung der ehemaligen Wohnorte von Menschen, die während des „Dritten Reiches“ zu Opfern rasseideologisch motivierten staatlichen Handelns wurden, verteilen dagegen dauerhafte Erinnerungszeichen über den gesamten Stadtraum. Sie schaffen über ihre Beschriftung mit den Lebensdaten dieser Menschen, weiterführend aber über begleitende Medien, Buchveröffentlichungen oder Websites, nachvollziehbare raumübergreifende Zusammenhänge.

Klassische Ankerpunkte bieten ferner lokale Museen, die in ihren Ausstellungen von einem zentralen Ort aus den Stadtraum erschließen. So bietet einerseits die stadthistorische Ausstellung des Kulturgeschichtlichen Museums der Stadt Osnabrück  die Möglichkeit, von ihr ausgehend geschichtliche Orte selbständig zu adressieren oder vom historischen Stadtmodell auf das heutige Stadtbild zu blicken. Als zweites geschichtlich orientiertes Museum konzentriert sich das Museum Industriekultur am Osnabrücker Piesberg einerseits auf die Geschichte seines Standortes, einer ehemaligen Zeche, entwickelt aber in Sonderausstellungen immer wieder neue stadtgeschichtliche Perspektiven mit Bezug zu Orten und Räumen, im Jahr 2014 etwa in einer Ausstellung zur Geschichte der Stadt Osnabrück im Ersten Weltkrieg. Zu den weiterführenden Angeboten in diesem Kontext zählt insbesondere eine Website, auf der durch den Ersten Weltkrieg militärisch konnotierte Orte im Stadtraum referenziert werden.