Die Berichterstattung der Retrospektive und Erinnerungskultur

Die „Papenhütte“ war bis zu ihrer Auflösung in den 1980er Jahren ein wiederkehrendes Thema in der Osnabrücker Lokalpresse. Mit ihrem Abriss verschwand sie auch, so könnte es den Anschein haben, aus dem Gedächtnis der öffentlichen Wahrnehmung. Doch besonders in den letzten Jahren seit 2013 fand und findet immer wieder eine mediale Auseinandersetzung mit der „Papenhütte“ als Ort sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung sowie mit ihren ehemaligen Bewohner:innen statt. Der Blick, der auf die „Papenhütte“ fällt, ist in dieser Retrospektive nun ein anderer: Erinnern statt Erzürnen, Dialog statt Diskriminierung. Und vor allem: die Anerkennung der Verfolgungsgeschichte.

"Sintifamilie in Auschwitz ermordet. Papenhütte Station auf dem Weg zu den Mördern"

Neue Osnabrücker Zeitung vom 05.07.2013

"Sinti-Familie im KZ ermordet. Überfall auf Papenhütte"

Neue Osnabrücker Zeitung vom 12.07.2013

Erinnern an Deportation und Ermordung

Die sechs hier untersuchten Artikel erschienen zwischen Juli 2013 und April 2021 in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es handelt sich also um Retrospektiven, die auf die „Papenhütte“ gerichtet werden.
Besonders drei Artikel aus dem Jahr 2013 nehmen das Schicksal von durch den Nationalsozialismus ermordeten Bewohner:innen der Papenhütte in den Blick. Anlass dieser Berichterstattung ist im Falle zweier Artikel offensichtlich ein konkreter Anlass: Am 1. März 1943 ließen Nationalsozialisten 60 Menschen aus Osnabrück aufgrund rassenideologischer Gründe in Konzentrationslager deportieren und die meisten davon ermorden. Die entsprechenden Artikel (vom 05. und 12. Juli 2013) widmen sich 70 Jahre nach dem Geschehen dem Schicksal dieser Menschen in Verbindung mit einer Gedenkfeier und der Niederlegung von Stolpersteinen. Viele der Ermordeten waren Sinti, einige von ihnen lebten vor ihrer Deportation in der „Papenhütte“.

Der Artikel vom 5. Juli 2013 bettet die Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Ermordung von Osnabrücker Sinti in die Berichterstattung über eine Gedenkfeier und die Niederlegung von Stolpersteinen am ehemaligen Standort der „Papenhütte“ ein. 23 Stolpersteine seien dort verlegt worden, heißt es im Artikel mit der Überschrift „Sinti-Familie in Auschwitz ermordet. Papenhütte Station auf dem Weg zu den Mördern“. Das Schicksal der Familie Schmidt, von der zehn Mitglieder dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen, ist eingebunden in den aktuellen Forschungsstand zur „Papenhütte“ – im Speziellen die Arbeit von Schubert und Cooper –, an dem sich der Autor des Artikels eng orientiert. Thematisiert wird zunächst die Entstehung und Geschichte der Wohnsiedlung am Stadtrand, ihr Bild in den Augen der Osnabrücker:innen und die damit verbundene Stigmatisierung ihrer Bewohner:innen. Die zehn Mitglieder der Familie Schmidt finden im Artikel mit Namen und Alter Erwähnung, der Autor fasst das Vorgehen der Behörden und der Exekutive zusammen: „[D]ie Nationalsozialisten töteten im Rassenwahn auch Säuglinge.“ Die ausbleibende Anerkennung der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma nach Kriegsende und bis weit in die 1980er stützt der Autor wieder auf die Forschung durch Schubert und Cooper, die Thematisierung dessen ist dabei jedoch ein wichtiger Schritt in Richtung der kritischen Erinnerungskultur der Gegenwart. Daher sprachen auf der Gedenkfeier, so der Artikel, neben Angehörigen vom Verband deutscher Sinti auch Vertreter:innen der Stadtwerke und der Stadtregierung, deren Reden jedoch inhaltlich kaum angerissen werden. Aufgegriffen wird der grundsätzliche Tenor, dass die Ausgrenzung, Deportation und Ermordung der Osnabrücker Sinti und Roma während des Nationalsozialismus ein „böse[s] Lehrstück“ sei und die „Papenhütte“ selbst als ein Mahnmal in die kollektive Erinnerung der Stadt eingehen solle. Die Verantwortung der Stadt an sich und ihrer Bewohner:innen abseits der „Papenhütte“ wird - zumindest in diesem Artikel - nicht thematisiert.

Eine Woche später erscheint ein weiterer Artikel, eng verwandt mit dem vorangegangenen. Schon der Titel „Sintifamilien im KZ ermordet. Überfall auf Papenhütte“ referiert auf den früheren Artikel, drückt jedoch durch ebendiese, mitunter reißerische Wortwahl eine vermeintliche Aktualität aus, die das Interesse der Leser:innen wecken soll. Dabei wird im Bericht über die zwei Familien mit dem Nachnamen Imker und den einzigen zwei Überlebenden aus diesen Familien informiert, die sich zum Zeitpunkt der Deportationen am 1. März 1943 außerhalb der „Papenhütte“ befanden. Beleuchtet wird dabei auch die Beschlagnahmung von persönlichen Gegenständen der Deportierten durch die Nationalsozialisten und – wieder nah an den Forschungserkenntnissen von Schubert und Cooper – die Tatsache, dass bereits vor dem Nationalsozialismus Sinti und Roma stigmatisiert und verfolgt worden waren. Im Gegensatz zu dem vorangegangenen, thematisch verwandten Artikel findet sich hier, wenn auch kurz, das Eingeständnis einer Mitschuld der (Osnabrücker) Bürger:innen: Die damalige Bürgermeisterin Birgit Strangmann sprach bei der erwähnten Stolpersteinniederlegung davon, dass die Diskriminierung und schließlich Ermordung einiger Bewohner:innen der „Papenhütte“ auch durch die „stillschweigende Akzeptanz“ der Mehrheitsbevölkerung bedingt worden wäre.

"´Aktion T4´: Mord statt Hilfe. Gedenken an NS-Opfer Johann Osthoff"

Neue Osnabrücker Zeitung vom 26.08.2013

Am 26.08. 2013 thematisiert ein dritter Artikel das Schicksal eines weiteren Bewohners der „Papenhütte“: Johann Osthoff lebte dort gemeinsam mit seiner Frau, wurde aber 1935 in die Heil- und Pflegeanstalt am Gertrudenberg verlegt, am 22. April 1941 zunächst in ein Lager in Eichberg deportiert und Anfang Juni in Hadamar im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet. Im Text folgen dazu Informationen, ebenso wie eine Erklärung des Stolperstein-Projektes, in dessen Zusammenhang Johann Osthoff ein Stolperstein an seinem ehemaligen Wohnort „An der Papenhütte 13“ gewidmet wurde. Abschließend wird darauf verwiesen, dass das Büro für Friedenskultur in Osnabrück Hinweise von Zeitzeug:innen des NS entgegennehme, um weitere Stolpersteine niederlegen und so der Opfer gedenken zu können.

Alle drei Artikel nehmen konkreten Bezug auf stigmatisierte, deportierte und schließlich ermordete Menschen und setzen diese Berichte in den Kontext von Gedenkfeiern, Stolpersteinniederlegungen und dem Erinnern an diesen Teil der Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Biographien und die Rekonstruktion der Geschichte der „Papenhütte“ sind auf Basis der aktuellen – wenngleich geringen – Forschungsliteratur niedergeschrieben worden, was eine Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Anwendung dieser in der Erinnerungskultur schafft.

"Ausgegrenzt und stigmatisiert. Die 'Papenhütte' war bis 1985 ein Ort der gesellschaftlichen Verlierer"

„Kein Sterbenswörtchen“ – Ein kritischer Blick auf die Berichterstattung

Ein etwas anderer Ansatz ist im Artikel vom 15.10.2014 zu erkennen, der ebenfalls in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschien. Zwar wird hier auch vorrangig die Geschichte der „Papenhütte“ und die Stigmatisierung, Ausgrenzung und teilweise Ermordung ihrer Bewohner:innen in den Blick genommen, verbunden wird dies aber mit einer kritischen Auseinandersetzung mit der medialen Berichterstattung und der öffentlichen Wahrnehmung der jeweiligen Zeit. Anders als die vorangegangenen Artikel aus dem Jahr 2013 setzt sich der Autor dieses Textes auch mit der Kontinuität der Stigmatisierung und des negativen Bildes der „Papenhütte“in den Augen anderer Osnabrücker:innen nach Ende des Zweiten Weltkrieges auseinander.
Obgleich Wohnraum in den 1950er Jahren durch Zerstörung und die Aufnahme von Geflüchteten und Vertriebenen noch knapp gewesen wäre, habe man die „Papenhütte“ weiterhin als „Schandfleck“ bezeichnet, ein Ort mit „chaotische[n] Wohnverhältnisse[n] und Kleinkriminalität“. Der Abriss der Baracken 1959 wurde medial begleitet, auch Beschwerden von Anwohner:innen in Eversburg und das fehlende Eingreifen der Polizei waren Themen der Berichterstattung. Die annähernde Ghettoisierung, Diskriminierung, systematische Deportation und Ermordung zahlreicher Menschen aus dem Umfeld der „Papenhütte“, so der Autor, habe lange Zeit jedoch keine Erwähnung in der Presse gefunden: „Erstaunlicherweise liest man in den Zeitungsberichten bis in die Siebzigerjahre kein Sterbenswörtchen darüber, obwohl es sicherlich bekannt war.“
Weiter geht der Autor darauf ein, dass nach der Errichtung eines neuen Gebäudes aus Stein in den 1960ern und dem Umzug der Bewohner:innen der Baracken in dieses die Presse nicht müde wurde, den desolaten Zustand der meisten Gebäude der „Papenhütte“ zu betonen, deren „Holz keinen Pfifferling wert“ gewesen wäre. Kontinuierlich habe sich dieses Narrativ durchgezogen, sogar als man 1985 den Abriss der letzten Häuser an der „Papenhütte“ und die Bereitstellung von anderen Wohnungen für die Bewohner:innen beschloss, habe der Fokus auf den sozialen Problemen gelegen. Eine Anerkennung der Verfolgungsgeschichte der in der „Papenhütte“ lebenden Sinti und Roma fehlte auch hier. Einzig der Forschungsarbeit der bereits erwähnten Historiker Schubert und Cooper sei es zu verdanken, dass man heute – hier also im Jahr 2014 – einen anderen Blick auf die „Papenhütte“ und ihre Bewohner:innen einnehmen und kritisch auf die Verantwortung der Stadt Osnabrück und der Behörden blicken könne.

"Thema: Ausgrenzung von Sinti und Roma. Schüler des Carolinums Landessieger bei Geschichtswettbewerb"

Neue Osnabrücker Zeitung vom 05.06.2015

Die „Papenhütte“ als Thema für einen Geschichtswettbewerb

Mitte 2015 ist die „Papenhütte“ noch einmal Thema in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Im Fokus stehen hier allerdings nicht das Schicksal von Menschen, die dort gelebt hatten oder die Reflektion und kritische Einordnung der zeitgenössischen Berichterstattung, sondern zwei Schüler des Gymnasiums Carolinum, die am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilnahmen und niedersächsische Landessieger wurden. Ihr Thema: die Ausgrenzung von Sinti und Roma in Osnabrück, konkret am Beispiel der „Papenhütte“.
Angestoßen vom Lehrer des Leistungskurses Geschichte hätten die Schüler im Niedersächsischen Landesarchiv verschiedene Quellen analysiert und auch die Forschungspublikation von Schubert und Cooper herangezogen. Die Arbeit im Archiv und vor allem mit den Leser:innenbriefen habe Spaß gemacht, gegruselt hätten sie sich aber vor den Hakenkreuzen, die hin und wieder in den Quellen auftauchten. Offen bleibt, ob beide in ihrem Wettbewerbsbeitrag nicht nur die Ausgrenzung der Osnabrücker Sinti und Roma, sondern auch die Verfolgung, Deportation und Ermordung einiger Angehöriger thematisieren und sich kritisch mit den Inhalten ihrer untersuchten Quellen auseinandersetzen. Denn tatsächlich ist dem Artikel – bis auf eine unkommentiert Verlinkung auf den Artikel „Sintifamilien im KZ ermordet. Überfall auf Papenhütte“ im Text – kaum anzumerken, dass es sich bei dem von den Schülern bearbeiteten Thema um Schicksale diskriminierter und zum Teil ermordeter Menschen handelt. Sie geraten vor dem freudigen Ereignis der Archivbesuche und der Quellensichtung sowie der positiven Nachricht über den Sieg der beiden Schüler beim Wettbewerb in den Hintergrund. Die „Papenhütte“selbst dient hier erneut als Beispiel für Ausgrenzung von Minderheiten durch die Mehrheitsgesellschaft, die, wie beide Schüler laut Artikel festgestellt hätten, den Ort und sein Andenken heute aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen hätte.

"Alltagsrassismus in Osnabrück. Weil er ein Sinto ist, wird Mario Franz nach Hehlerware gefragt"

Neue Osnabrücker Zeitung vom 01.04.2021

Erst 100 Jahre nach der Entstehung der „Papenhütte“ kommt ein Sinto und ehemaliger Bewohner zu Wort

Mit gut sechs Jahren Abstand zur letzten journalistischen Auseinandersetzung erschien im März 2021 ein weiterer Artikel, der die Papenhütte thematisiert. Hier zeigt sich schnell, dass die Erzählperspektive eine andere ist: Es geht um Alltagsrassismus und den Sinto Mario Franz, der ihn aufgrund seiner Herkunft und seiner Kindheit in der „Papenhütte“ immer noch erlebt. Zum ersten Mal wird nicht bloß über und aus der Distanz berichtet, sondern eher im Dialog mit einem Betroffenen, der die Nachwirkungen der diskriminierenden und rassistischen Denkweise der Mehrheitsgesellschaft trotz der seit dem Nationalsozialismus bereits vergangenen Zeit bis in die Gegenwart spürt. Der gesamte Beitrag thematisiert Mario Franz` Perspektive, seine Erfahrungen und seinen Blick auf die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft, die ihm in verschiedenen Lebenssituationen begegnen. Zahlreiche direkte Zitate und Paraphrasen unterstreichen den Fokus auf seine Geschichte - allerdings wird diese für die Leser:innen nicht durch Mario Franz selbst dargestellt, sondern durch den Autor des Artikels, Thomas Wübker. Die Berichterstattung erfolgt somit erneut über eine von Diskriminierung betroffene Person, deren Perspektive scheinbar erst durch die Thematisierung in der Lokalpresse für die Mehrheitsgesellschaft zugänglich gemacht wird.
So berichtet Mario Franz von verbalen Anfeindungen und körperlichem Missbrauch durch Mitschüler:innen und Lehrer:innen bis hin zur Schuldirektion, gegen die er sich wehrte und die doch beinahe wie selbstverständlich zu seiner Schullaufbahn gehört hätten. Thematisiert wird auch, dass dieser Antiziganismus den Sinto, der Vorsitzender des Osnabrücker Sinti-Kulturvereins „Maro Dromm - Sui Generis“ und Geschäftsführer der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma ist, in privaten und öffentlichen Bereichen seines Lebens betreffe – und dass es vielen Sinti und Roma so geht. Mario Franz kritisiert im Bericht offen, dass der anhaltende Rassismus den Zugang zu Bildung und zu Berufen mit höherer Entlohnung erschwere, wenn nicht gar behindere. Ebenso gebe es Formen von „positiven“ stereotypischen Zuschreibungen, die, so erklärt Mario Franz, „`eine realitätsverzerrende Sichtweise der Mehrheitsgesellschaft`“ abbildeten. Trotz aller negativen Erfahrungen zeigt er sich am Ende des Artikels optimistisch gestimmt, da gerade jüngere Generationen einen kritischen Umgang mit Zuschreibungen hätten und Tradiertes deutlich hinterfragten.

Dieser letzte, noch relativ junge Artikel steht am gegenwärtigen Ende einer nicht allzu üppigen, aber dennoch vorhandenen medialen Erinnerungsperspektive ebenjener Lokalpresse, die Jahrzehnte zuvor noch selbst Teil offener Stigmatisierung der „Papenhütte“ und ihrer Bewohner:innen gewesen war. Dennoch kann auch die Berichterstattung, die sich dem Gedenken und kritischen Reflektieren widmen will, tradierte Muster reproduzieren oder das Leser:inneninteresse der angebrachten Auseinandersetzung vorziehen.