Die Familie Beltrami - „Papenhütte“ als Station?

Die Lebenswege mancher Personen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der „Papenhütte“ ansässig waren, lassen sich jedoch über längere Strecken nachvollziehen. Diese Seite ist dazu der Familie Beltrami gewidmet. Durch die bespielhafte Betrachtung der Familie Beltrami soll hiermit eine weitere Bewohnergruppe der „Papenhütte“, der nach Deutschland eingewanderten Menschen, repräsentiert sowie gezeigt werden inwiefern die „Papenhütte“ als Station begriffen werden kann.  

Tullio und Theresa Beltrami wanderten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Deutschland ein und bilden damit die zeitgenössischen Migrationsentwicklungen in Europa deutlich ab. So stiegen seit der deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 die Zahlen der Zuwanderungen in das Gebiet des Deutschen Reiches, meist in Kontexten von Arbeitsmigration, stark an. Auch in Osnabrück, welche als „Stadt mit Migrationshintergrund“1 bezeichnet werden kann, waren diese Veränderungen spürbar. Die steigenden Einwohnerzahlen, die maßgeblich mit der Zuwanderung in dieser Zeit zusammenhingen, sowie die fortschreitende Industrialisierung führten schnell zu einem Mangel an Wohnungen im städtischen Bereich Osnabrücks.

Karteikarte von Mathilde Beltrami

Karteikarte von Mathilde Beltrami aus Osnabrücker Ausländermeldekartei

Die ersten Belege für die Ankunft von Tullio und Theresa Beltrami und ihrem Bezug einer Wohnung im Stadtteil Eversburg in der Querstraße 5 sind in den Daten der Ausländermeldekartei zu finden, welche im Jahr 1930 angelegt wurde. Und in welcher die Familie zwei Jahre später registriert wurde, nach einem erneuten Zuzug nach Osnabrück aus dem Bereich Pye. Die Ausländermeldekartei ist eine Sammlung von Karteikarten, in der vor allem die  Zuzüge in Osnabrück, aber auch persönliche Informationen, wie Daten zur Geburt, Beruf, Religions- und Staatszugehörigkeit, durch die Ausländermeldebehörde festgehalten wurden. Diese wird nun in digitalisierter Form in Zusammenarbeit mit dem Osnabrücker Archiv von dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück umfassend untersucht.2

In ihrer ersten Wohnung im Gebiet Osnabrück gründeten Tullio, geboren 1872 in Modena, und Theresa, geboren 1874 in Presserie, ihre Familie. Im Abstand von vier Jahren wurde zunächst Mathilde im Jahr 1909 und anschließend Sophie (1913) geboren. Obwohl die beiden Töchter in Deutschland zur Welt kamen, wurde die italienische Staatsbürgerschaft ihrer Eltern aufgrund des Abstammungsprinzips des „ius sanguinis“ auch auf sie übertragen. 

Die Familie Beltrami war im Verlauf der Jahre unter verschiedenen Adressen in Osnabrück gemeldet, dazu gehörte ebenfalls die Barackensiedlung „Papenhütte“. Diese Siedlung war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr negativ konnotiert. Dort zogen die Großeltern unter anderem die im November 1934 geborene Tochter von Sophie namens Brigitte, mit der Unterstützung von Mathilde, auf. Nur wenig später verstarb jedoch Theresa, die junge Großmutter, im Februar des Jahres 1939, die bis zu diesem Zeitpunkt den Großteil ihres Lebens in Osnabrück verbracht hatte.

Gestapo-Karteikarte von Clamor Lienemann

Gestapo-Karteikarte von Clamor Lienemann

Nachdem die Familie die „Papenhütte“ wieder verlassen konnte, vermutlich durch die Heirat Sophies mit einem Osnabrücker deutscher Staatszugehörigkeit 1939, und dem Einzug in die Redlingerstraße, mit dem Ehemann als Wohnungsgeber 1941, bezogen die  Familienmitglieder in den folgenden Jahren getrennte Wohnungen. Mathilde zog 1942 in eine Dienstwohnung des Krankenhauses in der Lotterstraße und heiratete fünf Jahre später Clamor Lienemann, der ebenfalls die deutsche Staatsangehörigkeit hatte und selbst zeitweise in der Papenhütte gelebt hatte. Lienemann wurde, wie weitere Bewohner der „Papenhütte“ aufgrund seiner kommunistischen Einstellung, von der Gestapo überwacht, die besonders im Bereich der „Papenhütte“ häufige, politisch motivierte Untersuchungen durchführte.

Während dieser Zeit lebte Brigitte zunächst bei ihren Großeltern Tullio und Theresa, gemeldet unter wechselnden Wohnadressen in Osnabrück, und verbachte anschließend einige Jahre bei ihrer Tante Mathilde, bis sie selbst im Jahre 1957 heiratete. Durch ihre Heiraten erlangten beide, Brigitte und Mathilde, die deutsche Staatsbürgerschaft und ihre Daten wurden von der Ausländer- in die Einwohnermeldekartei überführt. Die Ehe Mathildes hielt jedoch nur zwei Jahre. Anschließend war sie erneut zeitweise in der „Papenhütte“, sowie unter wechselnden Adressen, darunter auch die ihres Vaters Tullio im Katharinenviertel, gemeldet. Im Jahre 1976 verstarb sie im Alter von 67 Jahren.  

An dieser Familiengeschichte wird deutlich, dass die „Papenhütte“ für manche Menschen nur eine Zwischenstation, möglicherweise gar ein vorübergehendes Notprovisorium in ihren Leben darstellte, während andere Bewohner:innen ein Großteil ihres Lebens dort verbrachten, die „Papenhütte“ zu ihrem Zuhause wurde. Auch in der Nachkriegszeit sollte die „Papenhütte“ eine Unterkunft darstellen für verschiedene Bevölkerungsgruppen Osnabrücks, von der Mehrheitsgesellschaft sozial und ökonomisch ausgeschlossen wurden.

 

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1 Heese, Thorsten: Osnabrück – „Stadt mit Migrationshintergrund“ (abgerufen am: 20.09.21).

2 Bondzio, Sebastian et al: Die Osnabrücker Ausländermeldekartei 1930–1980, 2021; Aus diesem Projekt stammt der Großteil der Informationen dieser Ausstellungsseite zur Ausländermeldekartei und Familie Beltrami.

„Papenhütte“ als Station? - Familie Beltrami