Die „Papenhütte“ – Ein Ort gesellschaftlicher Ausgrenzung in Osnabrück 1911 – 1985

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde am damaligen Rand der Stadt Osnabrück, im heutigen Stadtteil Eversburg, ein Obdachlosenheim gebaut und kontinuierlich erweitert. In der direkten Umgebung des Obdachlosenheims, das in der Nähe einer Papierfabrik zwischen Bahngleisen und dem Fluss Hase angelegt wurde, siedelten sich im Verlauf der Zeit immer mehr Menschen an, die sich in der Stadt keinen geeigneten Wohnraum leisten konnten. Rund um das Obdachlosenheim entstand im Laufe der 1920er Jahre eine Barackensiedlung. Für diese Siedlung bürgerte sich im Osnabrücker Sprachgebrauch die Bezeichnung Papenhütte“ ein. Sie ist vielen alteingesessenen Osnabrücker:innen bis heute ein Begriff: Mit ihr wird Unordnung, Schmutz und teilweise auch Gefahr in Verbindung gebracht. Doch woher stammen diese Assoziationen?

Baracken in der "Papenhütte" 1953

Baracken der „Papenhütte“ 1953. Foto: Kurt Löckmann / Archiv NOZ

Wie in vielen anderen Ländern gab bzw. gibt es auch in Deutschland eine lange Geschichte von Exklusion und Stigmatisierung von Menschen mit niedrigem sozialen und ökonomischen Status. Personen, die als „Fremde“ wahrgenommen wurden, beispielsweise, weil sie eine andere Sprache sprechen oder andere Lebensgewohnheiten haben, wurden ebenso nicht als Teil einer imaginierten deutschen „Volksgemeinschaft“ verstanden. Sie alle wurden im Nationalsozialismus unter dem Begriff Asoziale subsumiert, der noch bis heute als Schimpfwort verwendet wird, um Personen außerhalb der „Mehrheitsgesellschaft“ zu diskreditieren. Bereits vor und verstärkt während der NS-Zeit entstanden staatlich geplante Siedlungen, um als „asozial“ stigmatisierte Menschen an segregierten Punkten zu konzentrieren. Ein solcher Ort der gesellschaftlichen Exklusion war die „Papenhütte“ in Osnabrück. Dort lebten die Menschen eine lange Zeit in Baracken, Nissenhütten (einer standardisierten Bauform der Wellblechhütte) oder baufälligen Häusern, bis sich die Stadt Osnabrück in den 1950er Jahren dazu entschloss, Schlichtbauwohnungen in der Siedlung zu bauen. Als ehemaliges Obdachlosenheim war die „Papenhütte“ Teil der kommunalen Armenfürsorge. In ihr lebten noch bis in die 1980er Jahre ökonomisch benachteiligte Familien, die von sozialer Teilhabe weitgehend ausgeschlossen wurden. 

An diesen Ort erinnern heute lediglich eine Infotafel und 23 Stolpersteine. Die Straße „An der Papenhütte“ wurde 1958 in „Kiefernweg“ umbenannt, aus der „Oldenburgerstraße“ wurde die „Klöcknerstraße“, der Straßenverlauf wurde teilweise verändert; heute befindet sich hier ein Industriegebiet. Für viele Osnabrücker:innen ist sie jedoch ein Teil ihrer Lebensgeschichte.

An der Osnabrücker „Papenhütte“ lassen sich viele typisch deutsche und europäische Prozesse verdeutlichen. Dazu zählen Entwicklungen im Bereich der Armen- bzw. Sozialfürsorge, aber auch gesellschaftliche Prozesse wie Migration und soziale Exklusion sowie der Umgang einer Mehrheitsgesellschaft mit marginalisierten Gruppen wie den sog. „Zigeunern“ bzw. mobil lebenden Menschen allgemein. Neben dieser nationalen bzw. globalen Dimension steht in dieser Ausstellung ein Stück Stadtgeschichte auch exemplarisch für zahlreiche mit ihr verbundenen Biographien Osnabrücker Bürger:innen. Neben den chronologisch geordneten Seiten zur Papenhütte finden Sie deshalb an entsprechenden Stellen Hintergründe zu zentralen Begriffen, überregionalen Entwicklungen und Biographien von Bewohner:innen. 

Obwohl die „Papenhütte“ zur Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts gehört und noch viele Zeitzeug:innen leben, gibt es nur sehr wenig Quellen und wissenschaftliche Literatur zu ihrer Geschichte und der ihrer Bewohner:innen. Die Inhalte dieser Ausstellung sind ein Rekonstruktionsversuch auf Basis dessen, was vorhanden ist. Während der Recherchen und der Auseinandersetzung mit Material und Literatur traten manchmal Widersprüche oder Unklarheiten zutage, die nicht auflösbar waren. Deshalb spiegelt diese Ausstellung – wie immer in der Geschichtswissenschaft – den aktuellen Forschungsstand wider und bietet vielfältige Anküpfungspunkte für weitere Forschungen.

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