Wandel in der Frühen Neuzeit

Im Spätmittelalter entstanden erste kategoriale Differenzierungen bedürftiger Menschen. Öffentliche Institutionen fingen an, zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ sowie „Ehrlichen“ und „Unehrlichen“ zu unterscheiden. Auch wurden erste Versuche zur Kontrolle einheimischer und zur Abwehr auswärtiger Armer unternommen. Insbesondere im Zuge der Reformation und mit Herausbildung eines Bürgertums wurde Arbeit, Fleiß und damit verbundener ökonomischer Erfolg nun als gottgefällig und auf der anderen Seite Armut als Resultat von Faulheit, individuellem Versagen, aber auch als Ausdruck der Ungnade Gottes angesehen. In dieser sich durchsetzenden protestantische Wirtschaftsethik gab es keinen Raum mehr für Almosen oder Mitleid für Bedürftige.

Rasphuis-Insassen beim Holzsägen und bei der Auspeitschung

Insassen des Amsterdamer „Rasphuis“ beim Holzsägen und bei der Auspeitschung. Harte körperliche Arbeit, mangelnde Versorgung und Unterbringung sowie drakonische Strafen gehörten zum Alltag in den frühneuzeitlichen Zucht- bzw. Arbeitshäusern.

Die im (Früh-)Kapitalismus und der Proto-Industrialisierung einsetzenden gesellschaftlichen Umbrüche führten zur massenhaften Verarmung ganzer Bevölkerungsgruppen. Verbunden mit dem Rückgang kirchlicher Fürsorgeeinrichtungen und dem veränderten Blick auf Armut und die von ihr betroffenen Menschen kam es in der Frühen Neuzeit zu grundlegenden Reformen der Armenfürsorge. Gesellschaftliche Ordnung spielte zunehmend eine Rolle. Die Städte übernahmen nun die Verantwortung für „ihre“ Armen, sie schufen Armenunterkünfte und verteilten Lebensmittel. Armenfürsorge wurde damit kommunale Verwaltungsaufgabe. Auf der anderen Seite wurden repressive Verordnungen zur Disziplinierung und „Erziehung“ der Armen erlassen. Armut, Obdachlosigkeit und Bettelei wurden kriminalisiert und häufig gar mit Einweisung ins Arbeits- bzw. Zuchthaus geahndet. Ortsfremde Bedürftige wies man ab bzw. vertrieb sie, damit sie nicht den kommunalen Kassen „zur Last fielen“. Zuständig hierfür waren zunächst „Armenpfleger“, später die Armenpolizei als kommunale Ordnungsinstitution. Die Fürsorge trat dabei mehr und mehr hinter Repression, Kontrolle und „Erziehung“ der Armen zurück.

Mit dem Thema „Armut in der Frühen Neuzeit“ beschäftigt sich dezidiert die studentische digitale Ausstellung „Armut denken - Armut lenken“ des Interdisziplinären Instituts für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN) der Universität Osnabrück.