Ergebnisperspektiven
Als beispiellos sollte der Erste Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingehen. Dreh- und Angelpunkt der zu betrachtenden Ergebnisperspektive ist sicherlich, worüber am Ende des Krieges am meisten nachgedacht wird: der Tod. Ihm wird nicht nur individuell gedacht, sondern es hat sich eine komplexe Erinnerungskultur entwickelt.
Diese umfasst neben Kriegergrabstätten, so auf dem Osnabrücker Hasefriedhof bzw. Johannisfriedhof, auch das klassische Errichten von Denkmälern wie etwa jenes für das Infanterie-Regiment 78, welches in der Nähe der Lohstraße, vermutlich als eine Art Anlaufpunkt für die dort wohnhaften Angehörigen, errichtet wurde (siehe auch Später Tod im Krieg). Damit hatten diese einen Punkt in ihrer Nähe, an welchem sich ihre unterschiedlichsten Gefühle kanalisieren ließen.
Neben den klassischen Motiven von Verlust und Angst waren diese Orte teilweise auch mit Gefühlen der Hoffnung verbunden, gerade in den ersten Jahren nach dem Krieg. Durch das Aufkommen von Erinnerungsorten, an welchen häufig die Namen der Gefallenen angebracht waren, ließ sich die individuelle Trauer auf die gesamte Gesellschaft erweitern und ein neuerliches Gemeinschaftsgefühl konnte zum Ausdruck gebracht werden. Nicht nur in den Reihen der Soldaten sondern im gesamtgesellschaftlichen Kontext eröffnete sich die Frage danach, für welchen Sinn die Soldaten gestorben waren und wie ihrer gedacht werden konnte.
Dabei kristallisierten sich vor allem zwei Denkschulen heraus: Zum einen die der Victima, welche das passiv erbrachte Opfer durch erlittenes Leid in den Vordergrund stellt, und zum anderen die Auslegung der Sacrificum, welche das aktive heroische Opfer des Soldatentums präferiert. Eine einheitliche Erinnerungskultur war demzufolge nicht gegeben. Abgesehen von den menschlichen Verlusten stand die Nachkriegsgesellschaft auch vor weitreichenden finanziellen Belastungen, etwa durch weitreichende Reparationen, aber auch durch die Versorgungsnotwendigkeit Kriegsgeschädigter sowie der Hinterbliebenen der Gefallenen. Heimkehrende Soldaten wurden in ihrer Emotionsverarbeitung weitgehend sich selbst überlassen, eine Aufarbeitung von Kriegstraumata fand kaum oder nur unzureichend statt.
Tod und Trauer haben das Leben im Osnabrück des Ersten Weltkrieges maßgeblich bestimmt. Von 15.000 ausgezogenen Soldaten sollten 2.219 nicht zurückkehrten und 4.000 als Kriegsversehrte ihre traumatischen Erinnerungen in die Nachkriegsgesellschaft einbringen. Viele Phänomene des Krieges, wie in den vorangegangenen Artikeln deutlich geworden ist, finden sich in den Einzelfällen aus der Lohstraße wieder. Die Lohstraße fungiert daher sinnbildlich als Mikrokosmos einer Gesellschaft im Krieg, welcher die Ereignisse der Meso- (Stadt Osnabrück) und Makroebene (Deutsches Reich) widerspiegelt.
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Inhaltlich verantwortlich: Florian Gießler