Kriegstraumata
In der heutigen psychologischen Forschung sind Kriegstraumata ein viel behandeltes Thema. Besonders häufig treten sie in Form Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) auf. Diese konnten in der neueren Forschung beispielsweise bei ehemaligen Soldat:innen des Vietnamkriegs, des Golfkriegs und der Kriege im Irak und Afghanistan auch noch Jahre nach ihren Einsätzen festgestellt werden. Auch Untersuchungen, die erst Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurden, zeigen, dass selbst ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende noch immer einige der damaligen Soldaten unter Traumatasymptomen litten und eventuell sogar noch immer leiden.1 Dies lässt darauf schließen, dass es nach dem Ersten Weltkrieg ähnlich ausgesehen hat.
Untersuchungen zu psychischen Belastungen bei Offizieren des Ersten Weltkriegs zeigen, dass viele der erlebten Traumata durch spezifische Bedingungen des Krieges ausgelöst wurden. Dazu gehörten: Erzwungene Passivität und Ausgeliefertsein im Stellungskrieg, ständiger Lärm durch Artilleriefeuer und Explosionen, dauerhafte Angst um das eigene Leben und das der Kameraden, physische Erschöpfung, die in Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit mündete, sowie schwere Verletzungen, die auch psychische Folgen hatten.2 Wichtig ist auch zu erwähnen – insbesondere in Hinsicht auf Kurt Papritz, der als Vizefeldwebel und Angehöriger des Ersatzbataillons möglicherweise nicht dauerhaft in das direkte Frontgeschehen involviert war – dass "während des Krieges auch Offiziere und Mannschaftssoldaten psychische Erkrankungen [entwickelten], die den dauerhaften Bedingungen an der Front nicht ausgesetzt waren. Manche psychischen Gesundheitsstörungen traten fern der Gefahrenzone auf und hatten mit der vor allem für die Westfront typischen Kriegserfahrung des Stellungskrieges nichts zu tun."3 Denn an dieser Stelle ist auch wichtig zu erwähnen, dass die Kriegserfahrungen der Soldaten des Ersten Weltkriegs als sehr individuell betrachtet werden müssen und nicht für jeden Soldaten in den Extremerfahrungen der Stellungskriege und Materialschlachten bestanden. Feldpostbriefe und Kriegstagebücher der Soldaten, die diese Fronterfahrungen erlebt haben, vermitteln uns zwar einen wirkungsvollen Eindruck, wie der traumatisierende Kriegsalltag für einen Teil der Soldaten ausgesehen hat, jedoch ist nicht außer Acht zu lassen, dass es auch Soldaten gab, die zwar nicht diese direkten Kriegshandlungen, aber dafür andere Auslöser für Traumata erfahren haben. Auch Konflikte mit Vorgesetzen oder Kameraden konnten ein solcher Auslöser sein und zu einem psychischen Zusammenbruch führen, da der Zusammenhalt in den Gruppen häufig die größte seelische Stütze für die Soldaten war. Hinzu kamen die Sorgen um die Familien zuhause und Angehörige, die ebenfalls im Krieg kämpften, sowie die Trauer um gefallene Angehörige.4 Auslöser für Kriegstraumata sind also facettenreich und lassen sich in vielen unterschiedlichen Kriegserfahrungen finden.
Anders als heute erhielten Betroffene nach dem Ersten Weltkrieg keine oder nur unzureichende psychologische Hilfe. In Deutschland gab es 200.000 diagnostizierte Fälle von sogenannter 'Kriegsneurose' unter den Soldaten des Ersten Weltkriegs. Für die Psychiater der damaligen Zeit waren die psychischen Folgen der modernen Kriegsführung – das 'Massensterben' durch Artilleriegeschütze und Gasangriffe – auf die Soldaten kein neues Phänomen. Entsprechende Erkenntnisse gab es bereits durch den japanisch-russischen Krieg 1904/1905. Es wurde also auch für den Ersten Weltkrieg eine enorme Zunahme solcher psychologischen Krankheitsbilder im deutschen Heer erwartet. Doch der gängigen Lehrmeinung nach lag die Schuld für eine solche 'Kriegsneurose' bei den betroffenen Soldaten und nicht beim Kampfgeschehen.5 Eine Großzahl der Psychiater sahen die Konstitution und Veranlagung als ausschlaggebend für psychische Krankheiten und nicht die Kriegserfahrungen.6 Alois Alzheimer sah den Krieg beispielsweise als Selektionsprozess, bei dem schwache und somit für die Gesellschaft untaugliche Männer natürlicherweise 'aussortiert' wurden. Entsprechend grausam fiel die 'Behandlung' traumatisierter Soldaten in der Nachkriegszeit aus, die in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten mit Elektroschocks durchgeführt wurde. Hinzu kommt, dass viele der betroffenen Soldaten mit psychischen Krankheiten später den Euthanasie-Aktionen des NS-Regimes zum Opfer fielen.7
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Vgl. Nandi, Corina/Weierstall, Roland/ Huth, Sina et al.: Kriegstraumata und PTBS bei deutschen Kriegsüberlebenden. Ein Vergleich ehemaliger Soldaten und Frauen des Zweiten Weltkrieges, in: Nervenarzt 85. 2014, S. 356–362.↩
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Vgl. Gahlen, Gundula: Nerven, Krieg und militärische Führung. Psychisch erkrankte Offiziere in Deutschland (1890–1939), Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2022, S. 504–506.↩
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Ebd., S. 506.↩
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Vgl. ebd., S. 507.↩
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Vgl. Bondzio, Sebastian/ Raß, Christoph: Gesellschaft in Angst. Urbane Erfahrungsräume und 'Massensterben' im Ersten Weltkrieg, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 87. 2015, S. 229–253, hier S.229–232.↩
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Vgl. Gahlen, Nerven 2022, S. 504.↩
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Vgl. Bondzio/Raß, Gesellschaft 2015, S. 232.↩
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Inhaltlich verantwortlich: Anna Schlutter
[1] Vgl. Nandi, Corina/Weierstall, Roland/ Huth, Sina et al.: Kriegstraumata und PTBS bei deutschen Kriegsüberlebenden. Ein Vergleich ehemaliger Soldaten und Frauen des Zweiten Weltkrieges, in: Nervenarzt 85. 2014, S. 356–362.↩
[2] Vgl. Gahlen, Gundula: Nerven, Krieg und militärische Führung. Psychisch erkrankte Offiziere in Deutschland (1890–1939), Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2022, S. 504–506.↩
[3] Ebd., S. 506.↩
[4] Vgl. ebd., S. 507.↩
[5] Vgl. Bondzio, Sebastian/ Raß, Christoph: Gesellschaft in Angst. Urbane Erfahrungsräume und 'Massensterben' im Ersten Weltkrieg, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 87. 2015, S. 229–253, hier S.229–232.↩
[6] Vgl. Gahlen, Nerven 2022, S. 504.↩
[7] Vgl. Bondzio/Raß, Gesellschaft 2015, S. 232.↩