Kriegsbedingte Mobilität

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Karte mit einer Auswahl von Geburtsorte der in Osnabrück untergekommenen 'Displaced Persons'.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden circa 50–60 Millionen Menschen Opfer von Gewaltmigration.1  Dabei wurden etwa neun Millionen Menschen im Zuge der nationalsozialistischen 'Germanisierungsmaßnahmen' vertrieben, bei denen die Nationalsozialist:innen versuchten, die von ihnen eroberten Gebiete in Osteuropa nach rassistischen Kriterien ethnisch neu zu ordnen.2 Im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurden dann Taktiken des Beutekrieges zunehmend relevant für die deutsche Kriegswirtschaft. Zur Aufrechterhaltung der Industrie in Deutschland wurden etwa acht Millionen Zwangsarbeitskräfte in das Deutsche Reich verschleppt, bestehend aus sech Millionen Zivilpersonen und zwei Millionen Kriegsgefangenen.3 Zusammen mit den Überlebenden des Holocaust und verschiedener Gruppen von Flüchtlingen wurden diese Personen nach Kriegsende von den Alliierten in der Kategorie 'Displaced Persons' (= vertriebene Personen) zusammengefasst. Die unter diesem Titel vereinten Gruppen machten etwa 11–13 Millionen Personen aus.4

  1. Vgl. Oltmer, Jochen: Flucht und Vertreibung. Niedersachsen als Ankunftsland, in: Barbara Magen/ Natalie Reinsch (Hrsg.): Vom Ihr zum Wir. Flüchtlinge und Vertriebene in Niedersachsen in der Nachkriegszeit (Schriftenreihe des Museumsverbandes Niedersachsen und Bremen e.V., Bd. 5), Hannover: Museumsverband Niedersachsen und Bremen e.V. 2021, S. 16–24, hier S. 16.

  2. Vgl. ebd.

  3. Vgl. ebd.

  4. Vgl. ebd.

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Karte mit Migrationsbewegungen der sogenannten 'Heimatvertriebenen'.
Quelle: Palm, Peter: Karte zu Flucht und Vertreibung 1945 bis 1950, in: Bundeszentrale für politische Bildung, URL: https://www.bpb.de/lernen/angebote/grafstat/krise-und-sozialisation/224354/m-03-04-05-karte-zu-flucht-und-vertreibung-1945-bis-1950/ (abgerufen am: 18.03.2025).

Mit der sich anbahnenden Niederlage des Deutschen Reiches gegen Ende des Krieges wurde auch die deutsche Bevölkerung erstmals von diesen Entwicklungen erfasst. Schon beim Vormarsch der Roten Armee an der östlichen Front flohen Teile der deutschen Bevölkerung im Osten des Reiches und den besetzten Gebieten vor den herannahenden sowjetischen Truppen.5 Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands entschieden die Alliierten schließlich über die territoriale Neuordnung Osteuropas mit der Wiederherstellung der von Deutschland besetzten Staaten wie Polen oder der Tschechoslowakei. Mit der Neuordnung ging die Vertreibung der als 'deutsch' verorteten Bevölkerung Osteuropas einher, die bis dahin in verschiedenen osteuropäischen Staaten als Minderheit lebten.6 Die Volkszählung von 1950 registrierte allein in Niedersachsen 1,8 Millionen der sogenannten 'Heimatvertriebenen', während sich die Zahl des Personenkreises auf den gesamten Staatsgebieten von BRD und DDR auf etwa 12,5 Millionen belief.7 

Wie sich an diesen Zahlen erkennen lässt, besaßen die vom nationalsozialistischen Deutschland ausgelösten Bevölkerungsverschiebungen eine Tragweite, die sich auch in einer kleineren Straße wie der Lohstraße messen lässt. Mit den kriegsbedingten Mobilitäten waren verschiedene individuelle und gesellschaftliche Probleme verbunden, die auf den folgenden Seiten thematisiert werden sollen. So lassen sich anhand des Schemas der Volkszählungsbögen Mobilitätserfahrungen der Bewohner:innen der Lohstraße und deren Ausmaß ablesen. Ein Blick in andere Großkarteien wie die Gestapokartei und die Ausländermeldekartei kann hingegen Informationen zum Schicksal von Zwangsarbeiter:innen in der Lohstraße während und nach Ende des Zweiten Weltkrieges liefern.

  1. Vgl. Schulze, Rainer: Forced Migration of German Populations during and after the Second World War. History and Memory, in: Jessica Reinisch/ Elizabeth White: The Disentanglement of Populations. Migration, Expulsion and Displacement in Post-War Europe 1944–1949, Basingstoke u. a.: Palgrave Macmillan 2011, S. 51–71, hier S. 52.

  2. Vgl. ebd., S. 56.

  3. Vgl. Oltmer, Flucht 2021, S. 19.

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Inhaltlich verantwortlich: Jonathan Roters

[1] Vgl. Oltmer, Jochen: Flucht und Vertreibung. Niedersachsen als Ankunftsland, in: Barbara Magen/ Natalie Reinsch (Hrsg.): Vom Ihr zum Wir. Flüchtlinge und Vertriebene in Niedersachsen in der Nachkriegszeit (Schriftenreihe des Museumsverbandes Niedersachsen und Bremen e.V., Bd. 5), Hannover: Museumsverband Niedersachsen und Bremen e.V. 2021, S. 16–24, hier S. 16.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Schulze, Rainer: Forced Migration of German Populations during and after the Second World War. History and Memory, in: Jessica Reinisch/ Elizabeth White: The Disentanglement of Populations. Migration, Expulsion and Displacement in Post-War Europe 1944–1949, Basingstoke u. a.: Palgrave Macmillan 2011, S. 51–71, hier S. 52.

[6] Vgl. ebd., S. 56.

[7] Vgl. Oltmer, Flucht 2021, S. 19.