Das Schicksal von Maria Stegman

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Stolperstein für Maria Stegmann vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Lohstraße 11.
Fotografie: Niklas Poggemann.

Maria Stegmann, geboren am 30. August 1911 als drittes von vier Kindern der Eheleute Johann und Maria Stegmann (geb. Linnemann) in Osnabrück, wohnte in der Lohstraße 11. Gegenwärtig befindet sich an dieser Anschrift ein Neubau, in welchem die Diakonie Osnabrück ansässig ist. Maria Stegmann war eines der über 10.000 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordeten Opfer des NS-'Euthanasie-Programms'. Um an ihr Schicksal zu erinnern, wurde am 21. März 2012 ein Stolperstein vor dem Haus Lohstraße 11 verlegt, auf welchem Stegmann als Opfer der 'Aktion T4' ausgewiesen wird.

Maria Stegmann zu einem unbekannten Datum in die Heil- und Pflegeanstalt in Osnabrück aufgenommen. Zuvor arbeitete sie als Dienstmädchen. Am 22. April 1941 wurde sie von Osnabrück in die Landesheilanstalt Eichberg (Hessen) verlegt. Eichberg galt als eine sogenannte 'Zwischenanstalt'. Die Patient:innen wurden in solche Einrichtungen überführt, bevor sie gesammelt zu den eigentlichen Tötungsanstalten deportiert wurden. Ziel dieser Zwischenaufenthalte war die Verschleierung der Transporte der Patient:innen. Die Angehörigen sollten nichts von den Machenschaften der Nationalsozialist:innen erfahren. Zudem hatten die Zwischenaufenthalte ökonomische Zwecke, da es mit weniger logistischem Aufwand verbunden war, die Patient:innen gesammelt in die Tötungsanstalten zu deportieren.

Maria Stegmann wurde am 10. Juni 1918 zusammen mit 118 weiteren Personen in die Tötungsanstalt Hadamar überführt. Dort wurde sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft durch Kohlenmonoxidgas ermordet. Denn „[…] einmal in Hadamar respektive einer anderen Mordanstalt angekommen, [gab es] nur für die allerwenigsten Menschen noch eine Hoffnung auf ein Überleben. Die Vorgänge folgten von der Ankunft der Patient[:innen] bis zu ihrer Ermordung und der sich anschließenden Nachbearbeitung der Todesfälle einem vorbestimmten und systematischen, vor allem bürokratischen Ablauf"1. In der extra für die 'Aktion T4' eingerichteten Todesanstalt in Hadamar gab es im Keller eine Gaskammer, einen Sektionsraum und zwei Verbrennungsöfen, um die Leichname spurlos verschwinden zu lassen. Die Angehörigen erhielten einen standardisierten 'Trostbrief', worin der Tod der Patient:innen durch eine fiktive Todesursache verkündet wurde. Es wurde ein vermeintlich natürlicher und der bisherigen Krankenakte der Patientinnen und Patienten nicht widersprechender Tod ausgegeben.2 Der Todestag von Maria Stegmann wird auf den 09. oder 10. Juni 1941 geschätzt. Anstelle des wirklichen Todestages wurde vermutlich ein gefälschtes Datum, welches ein bis zwei Wochen nach dem wirklichen Todesdatum lag, in die Todesakte eingetragen, um über einen längeren Zeitraum Pflegekosten zu erhalten.3 

Die Krankenakten der Patient:innen wurden nach der Ermordung zurück in die Zentrale der 'Aktion T4' nach Berlin überführt, wo sie zum Großteil nach Kriegsende absichtlich durch das dortige Personal zur Verhinderung von Verfolgungen vernichtet wurden. Dem Bundesarchivs in Berlin lagen zu diesem Themenkomplex 2023 neben einigen wenigen Sachakten circa 30.000 der insgesamt 70.000 Krankenakten für den Zeitraum zwischen Frühjahr 1940 und Herbst 1941 vor. Sie bilden den Bestand R 179 Kanzlei des Führers, Hauptamt IIb.4 Dieser Zeitraum gilt als die Phase der zentral geleiteten 'Euthanasie'. Maria Stegmann fällt mit ihrem Todesdatum im Juni 1941 in diesen Zeitraum. Eine Anfrage beim Bundesarchiv ergab, dass keine 'Euthanasie'-Patientenakte für Stegmann vorliegt, sodass der von den Nationalsozialist:innen angegebene Todesgrund leider nicht ermittelt werden kann.

  1. Vgl. Firkus, Dennis: Über die Normalisierung organisierter Brutalitäten. Eine organisationssoziologische Analyse der Euthanasieanstalt Hadamar (Organisationsstudien), Wiesbaden: Springer VS 2021, S. 22.

  2. Vgl. ebd.

  3. Vgl. ebd.

  4. Vgl. BArch R 179.

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Inhaltlich verantwortlich: Niklas Poggemann

[1] Vgl. Firkus, Dennis: Über die Normalisierung organisierter Brutalitäten. Eine organisationssoziologische Analyse der Euthanasieanstalt Hadamar (Organisationsstudien), Wiesbaden: Springer VS 2021, S. 22.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. BArch R 179.