'Displaced Persons'

DP Registration Record von Leo Blotny.
Wahrscheinlich wurde Blotny in dem DP-Lager Eversburg untergebracht, in dem hauptsächlich polnische DPs unterkamen.
Quelle: Arolsen Archives, 66630555.
Die Versorgung und Unterbringung der 'Displaced Persons' (im Folgenden: DPs) war eine der vielen großen Herausforderungen der Nachkriegszeit. Sie war Gegenstand von intensiven Bemühungen der westalliierten Mächte und der UN, die zu diesem Zweck die Flüchtlingsorganisation UNRRA gründeten, dessen Aufgabe in der zentralen Unterbringung und Versorgung der DPs in eigenen Lagern sowie der Rückführung in ihre Heimatländer lag.1 Auch in Osnabrück bestanden solche Strukturen in Form mehrerer DP-Lager, die durch einen regionalen Ableger der UNRRA getragen wurden.2 Die Abbildung zeigt ein UNRRA-Registrierungsformular von Leo Blotny, einem ehemaligen Zwangsarbeiter, der in der Lohstraße untergebracht war.3
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Vgl. Hennies, Lukas/ Huhn, Sebastian/ Rass, Christoph: Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen. 'Displaced Persons' in Osnabrück und die Flüchtlingskrise
nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018), S. 183–231, hier S. 185.↩ -
Vgl. ebd., S. 204.↩
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Vgl. Arolsen Archives, 66630555.↩

Beobachtung des Zwangsarbeites Stefan Lisiak durch die Gestapo.
Lisiak war in der Lohstraße 57 bei der Tischlerei Schütze tätig.
Quelle: NLA OS, Rep 439, Nr. 24646.
Die Gestapokartei sowie die Ausländermeldekartei überliefern die Schicksale einiger in der Lohstraße ansässigen Zwangsarbeiter:innen und späteren DPs, die Teil dieser Strukturen waren. Die meisten von ihnen waren schon während des Krieges in dem sogenannten 'Sammellager' für Zwangsarbeiter:innen in der Lohstraße 56 ansässig. Als Zwangsarbeiter:innen waren sie beispielsweise für die Klöckner-Werke oder auch für die Tischlerei Schütze in der Lohstraße 57 tätig.4 Viele Spuren der vorbezeichneten Personen verlieren sich nach Kriegsende. Die Ausländermeldekartei vermerkt nach Kriegsende in diesen Fällen nur "nach unbekannt verzogen."5 In wenigen Fällen sind Registrierungen in DP-Lagern des Stadtgebietes bezeugt. Wahrscheinlich ist hier, dass die entsprechenden Personen mithilfe der UNNRA in ihre Heimatorte zurückgelangten oder aber eigenständig dorthin zurückgingen, wie es gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit üblich war.

Karteikarte von Mehmed Kapetanovic in der Ausländermeldekartei. Halbrechts in mittiger Position ist der Vermerk "Heimatloser Ausländer" zu sehen.
Andere DPs kamen erst im Kontext der Nachkriegswirren zu einem späteren Zeitpunkt in die Lohstraße und wohnten beispielsweise im 'Lohbunker' als provisorische Unterkunft. Ein wesentlicher Teil der im ehemaligen Reichsgebiet verteilten DPs weigerte sich in die Heimatländer zurückzugehen, was im Zeichen kommunistischer Machtübernahmen in den ossteuropäischen Herkunftsländern auch politische Gründe haben konnte.6 Für diese Gruppe wurde 1947 nach Auflösung der UNRRA die IRO geschaffen, die den DPs eine Emigration in einen Drittstaat ermöglichen sollte.7 Aufnahmebereite Drittstaaten in verschiedenen Weltregionen suchten DPs nach Kriterien größtmöglichen Nutzens für die Immigration aus.8 Alten und kranken DPs blieben die Möglichkeit der Ausreise in einen Drittstaat oft verwehrt; sie gingen ab 1951 als sogenannte 'heimatlose Ausländer' ohne Staatsangehörigkeit in die Obhut der Bundesrepublik Deutschland über. Auch 'heimatlose Ausländer' kamen nach Kriegsende in der Lohstraße unter, wie die nebenstehende Abbildung zeigt.
Auf den folgenden Seiten sollen zwei Einzelschicksale von Personen präsentiert werden, die Teil der bezeichneten kriegsbedingten Mobilität waren, jedoch nicht nach Kriegsende wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten. Dabei geht es zum einen um Matscheslaw Kotewski, der als Zwangsarbeiter in der Lohstraße 56 wohnte und dort 1944 bei einem Luftangriff verstarb. Zum anderen wird das Schicksal von Apolonia Czumes beleuchtet, die in der Nachkriegszeit im 'Lohbunker' unterkam und wahrscheinlich bis zu ihrem Tod als 'heimatlose Ausländerin' in Osnabrück blieb.
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Vgl. Haddad, Emma: The Refugee in International Society. Between Sovereigns (Cambridge Studies in International Relations, Bd. 106), Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 131.↩
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Vgl. Jacobmeyer, Wolfgang: Vom Zwangsarbeiter zum Heimatlosen Ausländer. Die displaced persons in Westdeutschland 1945–1951 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 65), Göttingen 1985, S. 42.↩
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Vgl. Huhn, Sebastian: Negotiating Forced Migration in the IRO’s 'Care and Maitenance' (CM/1) Files. One Setting, Three Underlying Aims, (at Least) Four Actors, and Multiple Forms of Human Agency, in: IMIS Working Papers 12/21, 2021, S. 1–31, hier S. 13.↩
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Inhaltlich verantwortlich: Jonathan Roters
[1] Vgl. Hennies, Lukas/ Huhn, Sebastian/ Rass, Christoph: Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen. 'Displaced Persons' in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018), S. 183–231, hier S. 185.↩
[2] Vgl. ebd., S. 204.↩
[3] Vgl. Arolsen Archives, 66630555.↩
[4] Arolsen Archives, 70717573.↩
[5] NLA OS, Dep 3 Akz. 2019/83, Nr. 50, Aufn. 0785.↩
[6] Vgl. Haddad, Emma: The Refugee in International Society. Between Sovereigns (Cambridge Studies in International Relations, Bd. 106), Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 131.↩
[7] Vgl. Jacobmeyer, Wolfgang: Vom Zwangsarbeiter zum Heimatlosen Ausländer. Die displaced persons in Westdeutschland 1945–1951 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 65), Göttingen 1985, S. 42.↩
[8] Vgl. Huhn, Sebastian: Negotiating Forced Migration in the IRO’s 'Care and Maitenance' (CM/1) Files. One Setting, Three Underlying Aims, (at Least) Four Actors, and Multiple Forms of Human Agency, in: IMIS Working Papers 12/21, 2021, S. 1–31, hier S. 13.↩