Einzelschicksale von 'Displaced Persons'

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Todesschein von Matscheslaw Kotewski.
Quelle: Arolsen Archives, 76781339.

Der polnische Zwangsarbeiter Matscheslaw Kotewski wurde am 05. November 1906 in Tutschyn in der heutigen Ukraine geboren. Während des Zweiten Weltkrieges kam Kotewski nach Osnabrück, wo er Zwangsarbeit bei dem Schuster Bernhard Rinnebaum leisten musste. Umstände und Zeitpunkt seiner Ankunft sind nicht bekannt. Sein Eintrag in der Ausländermeldekartei wurde wahrscheinlich erst nach seinem Tod vorgenommen. Am 13. September 1944 wurde das 'Sammellager' für Zwangsarbeiter in der Lohstraße 56 während eines Luftangriffes getroffen, bei dem Kotewski verstarb. Er wurde auf dem Heger Friedhof begraben, wo sein Grabstein (siehe 3D-Modell) heute immer noch Teil des sogenannten 'Ehrenfeldes' ist, auf dem unter anderem auch verstorbene Zwangsarbeiter Osnabrücks liegen.1 Ein Gedenkstein erinnert dort heute an die Verstorbenen. 

  1. Vgl. Arolsen Archives, 76781339.

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Registrierungskarte von Apolonia Czumes im DP-Lager Eversburg.
Quelle: Arolsen Archives, 69532737.

Apolonia Czumes wurde 1924 in Tarnopol, Polen (heutige Ukraine) geboren. Ihr Lebensweg bis hin zum Zweiten Weltkrieg und der Ankunft in Osnabrück lässt sich auf Grundlage der vorliegenden Quellen nicht rekonstruieren. In der Ausländermeldekartei ist ihr Beruf mit 'Hilfsarbeiterin' angegeben, eine Registrierung durch das Meldeamt vor 1949 scheint allerdings nicht vorzuliegen. Dass sie sich dennoch vor 1949 schon in Osnabrück befand, zeigt die erhaltene Registrierungskarte des polnischen DP-Camps in Osnabrück-Eversburg, die mit einem Datum von 1946 versehen ist. Auf dieser Karte gab Czumes an, keine Kriegsgefangene gewesen zu sein, eine etwaige ehemalige Arbeitsstätte, die eine Vergangenheit als Zwangsarbeiterin nahelegen würde, ist jedoch auch nicht ausgewiesen.

Bei der Registrierung im DP-Camp Eversburg erklärte Czumes, von polnischer Nationalität zu sein. Eine Auftragung eines Mitarbeiters des DP-Camps auf der Registrierungskarte zeigt jedoch eine Problematik der territorialen Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges: Der Geburtsort von Czumes gehörte aufgrund der Gebietsansprüche der Sowjetunion nicht mehr Polen an und wurde Teil der ukrainischen Sowjetrepublik. Dementsprechend wurde die eigene Angabe von Czumes zu ihrer Nationalität durchgestrichen und darüber mit einem Rotstift 'ukrainisch' eingetragen.2 

  1. Vgl. Arolsen Archives, 69532737.

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Meldekarte von Apolonia Czumes in der Ausländermeldekartei.
Quelle: NLA OS, Dep 3c Akz. 2019/83, Nr. 38, Aufn. 0659.

In dieser Tatsache ist wohl auch der Grund zu sehen, dass Czumes zwischen 1946 und 1949 aus dem polnischen DP-Camp in Eversburg in das DP-Camp Heidenau bei Hamburg verlegt wurde, das hauptsächlich ukrainischen DPs vorbehalten war. Der genaue Zeitpunkt der Verlegung ist nicht bekannt. Erst 1949 kehrte Czumes nach Osnabrück zurück, wo sie provisorisch für etwa einen Monat im 'Lohbunker' unterkam. Ihr sich aus der Registrierungskarte von 1946 ergebender Plan, mithilfe der UN-Flüchtlingsorganisationen UNRRA bzw. IRO nach Amerika auszureisen, hatte sich zu diesem Zeitpunkt wohl schon erübrigt. 1949 zog sie aus dem 'Lohbunker' in das ehemalige DP-Lager 'Fernblick' am Hauswörmannsweg ein, welches zu diesem Zeitpunkt ein provisorisches Wohnlager in Trägerschaft der Stadtverwaltung Osnabrücks war.

Hier wohnte Czumes nun bis 1956. Ein stationärer Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik am Bürgerpark unterbrach ihr Wohnen am Hauswörmannsweg für drei Monate. Anschließend lebte sie für fünf Jahre erneut am Hauswörmannsweg, woraufhin sie wieder in die Klinik am Bürgerpark zurückkehrte. Eine weitere Wohnstation ist für die nächsten 18 Jahre nicht angegeben. 1979 wurde ein Wegzug in ein Altenheim der Arbeiterwohlfahrt auf ihrer Meldekarte eingetragen. Ein fehlender Eintrag in dem sich dazwischen befindenden Zeitraum macht einen dauerhaften Klinikaufenthalt bis 1979 wahrscheinlich.3 

Psychische Erkrankungen waren bei DPs keine unübliche Erscheinung. Entsprechende Leiden konnten beispielsweise durch traumatische Kriegs- und Repressionserfahrungen während des Zweiten Weltkrieges ausgelöst werden, sodass ebendiese Personen separiert von anderen DPs in Kliniken untergebracht wurden. Eine psychische Erkrankung verringerte zwangsläufig die Chancen der jeweiligen Person auf die Ausreise in einen Drittstaat, weshalb auch Schicksale von 'heimatlosen Ausländern' mit entsprechender Krankengeschichte bekannt sind. Tatsächlich gibt es  Hinweise darauf, dass Osnabrück zu einem eigens für kranke DPs ausgewiesenen Unterbringungsort ausgebaut wurde.4 Psychisch kranke DPs wurden in Osnabrück zumeist in der Landesheil- und Pflegeanstalt in der Knollstraße 15 untergebracht5, derselben Klinik, in die auch Czumes eingewiesen wurde. In zeitlicher Hinsicht ist eine klinische Unterbringung von Czumes durch die DP-Hilfsorganisationen jedoch nicht möglich, da sie erst in den 1950er-Jahren Patientin wird, nachdem die Zuständigkeit der Hilfsorganisationen für die DPs schon beendet war. Die eigentlichen Umstände ihrer Patientenschaft in der Klinik sind nicht rekonstruierbar, allerdings sind sie außerhalb des Wirkungsbereiches der Hilfsorganisationen zu suchen.

  1. Vgl. NLA OS, Dep 3c Akz. 2019/83, Nr. 38, Aufn. 0659.

  2. Vgl. Hennies, Lukas/ Huhn, Sebastian/ Rass, Christoph: Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen. 'Displaced Persons' in Osnabrück und die Flüchtlingskrise
    nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018), S.183–231, hier S. 214.

  3. Vgl. ebd., S. 198.

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Inhaltlich verantwortlich: Jonathan Roters

[1] Vgl. Arolsen Archives, 76781339.

[2] Vgl. DP Registration Record Apolonia Czumes, 3.1.1., 69532737, ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

[3] Vgl. NLA OS, Dep 3c Akz. 2019/83, Nr. 38, Aufn. 0659.

[4] Vgl. Hennies, Lukas/ Huhn, Sebastian/ Rass, Christoph: Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen. 'Displaced Persons' in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018), S.183–231, hier S. 214.

[5] Vgl. ebd., S. 198.