Datenbasis sozialer Grundkategorien
Die Beleuchtung der Altersstruktur gehört zu den Grundpfeilern einer Sozialprofilanalyse und bietet besonders viele Einblicke in die Lebenswelt einer Gemeinschaft. Besonders interessant sind dabei Schnittstellen zwischen dem Alter und anderen sozialen Kategorien wie beispielsweise dem Geschlecht oder der Religionszugehörigkeit. Aufgrund des zahlenbasierten Kontextes finden sich zur Veranschaulichung der Daten in diesem Kapitel vorrangig Grafiken.
Von den 182 erfassten Personen in den Volkszählungsbögen haben 174 auch ihr Geburtsdatum angegeben. Wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, waren die meisten Personen aus der Lohstraße im Jahr 1950 zwischen 20 und 40 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei den Männern bei 36 Jahren und bei den Frauen bei 35 Jahren. Größere Unterschiede in der Altersverteilung nach Geschlecht ergeben sich in den Altersklassen unter 50 Jahren. Insbesondere die vielen Frauen zwischen 18 und 20 Jahren sowie die Häufung an Jungen im Alter von drei bis neun Jahren sind hier auffällig. Bei der Gruppe der Personen über 50 Jahren gleichen sich die Werte hingegen mit höherem Alter immer weiter an. Zwischen den 50–90-jährigen Bewohner:innen der Lohstraße lässt sich nach Abbildung 1 keine geschlechterspezifische Untersscheidung in der Altersstruktur mehr erkennen.

Einwohner im Alter bis unter 6 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland 1950.
Quelle: Schön, Karl Peter: Die Entwicklungsphasen der Städte und Regionen im Spiegel der Volkszählungen (Materialien zur Raumentwicklung, Bd. 56), Bonn: Selbstverl. der Bundesforschungsanst. für Landeskunde und Raumordnung 1993, S. 20.

Einwohner im Alter von 65 und mehr Jahren in der Bundesrepublik Deutschland 1950.
Quelle: Schön, Karl Peter: Die Entwicklungsphasen der Städte und Regionen im Spiegel der Volkszählungen (Materialien zur Raumentwicklung, Bd. 56), Bonn: Selbstverl. der Bundesforschungsanst. für Landeskunde und Raumordnung 1993, S. 20.
Besonders die Ober- und Untergrenzen der Altersverteilung sind hierbei demografisch interessant. Personen unter 18 Jahren machen 20% der Bewohner:innen der Lohstraße aus, wobei dreizehn von Ihnen 1945 oder nach Ende des Krieges geboren sind. Gerade die Gruppe der Kinder unter sechs Jahren ist hierbei von Interesse, da sich sowohl die Durchschnittszahlen der Lohstraße sowie die von Osnabrück und der gesamten Bundesrepublik Deutschland von 1950 unterscheiden. Der statistischen Auswertung der bundesweiten Volkszählung von 1950 zufolge lebten im Durchschnitt 8,1 Kinder unter sechs Jahren auf 100 Einwohner. Auch auf das geografische Umfeld Osnabrücks trifft diese Zahl zu. Osnabrück zeichnet sich jedoch durch eine niedrige Zahl von 6–6,9 Kindern unter sechs Jahren aus.1
Abbildung 2 soll dieses Phänomen illustrieren und gleichzeitig den bundesweiten Charakter der Volkszählung ins Gedächtnis rufen. Die helle Einfärbung am Standort Osnabrück, welche die niedrige Anzahl an Kindern unter fünf Jahren darstellt, ist leider nur sehr schwach zu erkennen. Damit zumindest eine grobe räumliche Orientierung möglich ist, wurde Osnabrück mit einem roten Pfeil gekennzeichnet. In der Lohstraße liegt der Wert an Kindern unter sechs Jahren wiederum bei 7,4%. Die Lohstraße stellt damit zumindest in Bezug auf die Osnabrücker Verhältnisse eine Straße mit vielen kleinen Kindern dar. Am anderen Ende der Altersstruktur ist hingegen keine Abweichung auszumachen. Die Lohstraße liegt mit 17 Personen (9,7%) über 65 Jahren im Durchschnitt Osnabrücks (9–11%) sowie der Bundesrepublik (9,4%).2
Die Geschlechterverteilung ist in der Lohstraße sehr ausgeglichen. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, lebten in der Lohstraße 51% Frauen und 49% Männer. In absoluten Zahlen ergeben sich damit 93 Frauen und 89 Männer. Ein ähnlich deutliches Bild zeichnen die Angaben zur Muttersprache der Befragten. 14 Personen unterließen ihre Angabe in diesem Punkt, wodurch zu diesem Aspekt Rückmeldungen von 168 Personen vorliegen. Davon gaben 167 Bewohner:innen an, dass ihre Muttersprache Deutsch sei und nur in einem Fall kommt die Angabe Niederländisch vor.
Einen weiteren auffälligen Datenpunkt bildet die Religionszugehörigkeit mit 166 erfassbaren Datensätzen. Wie in Abbildung 3 erkennbar ist, gestaltet sich diese in den Möglichkeiten der Zugehörigkeit breiter als in der tatsächlichen Verteilung der Anhänger:innen. So rechneten sich jeweils drei Personen den Dissidenten und dem evangelisch-reformierten Glauben zu sowie nur eine Person dem apostolischen Glauben. Die große Mehrheit der Lohstraße gab an, evangelisch-lutherisch oder römisch-katholisch zu sein. Dabei machten erstere einen Prozentanteil von 55% der Bewohner:innen aus und letztere einen Anteil von 40%.
Setzt man die Werte der Religionszugehörigkeit zusätzlich in Beziehung zur Altersstruktur der einzelnen Personen, ergeben sich einige Auffälligkeiten. Zum einen zeigen die Daten, dass alle drei Personen, die sich als Dissidenten bezeichneten – sich also keiner Religion zuordneten – über 60 Jahre alt waren. Ähnlich verhält es sich bei den Reformierten. Auch bei den beiden Glaubensgemeinschaften, die häufiger vertreten sind, lassen sich weitere aussagekräftige Zahlen herausfiltern. Unter den 92 evangelisch-lutherischen Personen finden sich in 91 Fällen auch dazugehörige Altersangaben. 65% dieser Personen waren zwischen 1 und 40 Jahren alt und 35% zwischen 42 und 81 Jahren. Das ergibt einen Altersdurchschnitt von 36 Jahren. Wie die Zahlen zu den Anhängern der römisch-katholischen Glaubenslehre in der Lohstraße ausweisen, waren diese im Durchschnitt sogar nur 32 Jahre alt.
Ebenfalls heterogen gestaltet sich die Angabe zur Herkunft. Alle Bewohner:innen waren dazu angehalten, ihren ständigen Wohnort zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns am 01. September 1939 anzugeben. Dazu gehört einerseits die Angabe über die Wohngemeinde zum genannten Zeitpunkt sowie der Kreis, zu dem die Gemeinde 1937 gehörte. 27 Personen kamen dieser Angabe nicht nach oder die Angaben konnten aufgrund von Unleserlichkeit nicht ausgewertet werden. Damit ergib sich eine Datenbasis von 155 Personen. 112 (72%) der befragten Personen gaben an, bereits zu Kriegsbeginn in Osnabrück bzw. im Landkreis gelebt zu haben. Jeweils eine Person gab an, aus Utrecht (Niederlande) und Vancouver (Kanada) zu stammen. Die übrigen 41 Personen kamen aus allen Teilen des damaligen Reichsgebiets. Dabei lebten 27 Bewohner:innen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands und 14 im heutigen Polen. So gaben 3 Personen an, aus Stettin zu stammen, 4 aus Quäsdow (heute Gwiazdowo) sowie je eine Person aus München und Bottrop.
Aus dem beschriebenen Datensatz ergibt sich damit folgendes Bild einer – den Zahlen nach – typischen Person aus der Lohstraße im Jahr 1950: Die Person ist weiblich und zwischen 35 und 36 Jahre alt. Sie wohnte bereits am 01. September 1939 in Osnabrück oder Umgebung und ist evangelisch-lutherischen Glaubensbekenntnisses.
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Inhaltlich verantwortlich: Felix Ostertun
[1] Vgl. Schön, Karl Peter: Die Entwicklungsphasen der Städte und Regionen im Spiegel der Volkszählungen (Materialien zur Raumentwicklung, Bd. 56), Bonn: Selbstverl. der Bundesforschungsanst. für Landeskunde und Raumordnung 1993, S. 20.↩
[2] Vgl. ebd.↩



