NS-Opfer

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Abfrage nach 'Behinderungen' in den Volkszählungsbögen
Quelle: NLA HA Nds., Nds. 112, Nr. 36498/99.

Trotz des Vollständigkeitsanspruches der Erfassung, gibt es eine beträchtliche Anzahl von Bewohner:innen der Lohstraße, die nicht in den Volkszählungsbögen aufgeführt wurden. In diesem Ausstellungsmodul geht es speziell um eine Gruppe von Menschen, deren vollständige Vernichtung ein erklärtes Ziel der Nationalsozialist:innen gewesen ist: Menschen mit Behinderungen. Die Volkszählungsbögen richteten sich in Teilen speziell an diese Gruppe, fragten sie doch, ob eine körperliche Behinderung vorliege. An dieser Stelle sollte zudem die Art der Behinderung, zum Beispiel Verlust eines Körperteils oder Epilepsie, angegeben werden. Zudem wurde durch den Bogen erfragt, ob es sich um eine angeborene Behinderung handelt oder, wenn nicht, in welchem Jahr sie entstanden ist. Für den Grund der Behinderung konnte angegeben werden: 'Kriegseinwirkung durch Wehrmachtsangehörige', 'Kriegseinwirkung auf Zivilbevölkerung' oder 'sonstige Einwirkungen'. Aus den Volkszählungsbögen wird nicht ersichtlich, ob zu jener Zeit Opfer des Nationalsozialismus lebten, welche die Tötungsanstalten der Nationalsozialisten überlebt haben.

Auszug aus der ‚Hartheimer Statistik‘, einer 1945 von US-Soldaten aufgefundenen minuziösen Auflistung durch die ‚Euthanasie‘ bewirkten ‚Einsparungen‘.jpeg

Auszug aus der 'Hartheimer Statistik', einer 1945 von US-Soldaten aufgefundenen minuziösen Auflistung durch die 'Euthanasie' bewirkten 'Einsparungen'
Quelle: Gedenkstätte Steinhof, "Aktion T4", in: Gedenkstätte Steinhof, URL: https://www.gedenkstaettesteinhof.at/de/ausstellung/08-aktion-t4 (abgerufen am: 18.03.2025).

Exemplarisch wird auf Grundlage von Informationen aus dem Bundesarchiv Berlin und der Gedenkstätte Hadamar eine Biografie eines dieser NS-Opfer dargestellt, um Einblicke in die perfide Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialist:innen zu erlangen. Die Gedenkstätte Hadamar versteht sich als ein „internationaler Ort des Gedenkens, der außerschulischen und historisch-politischen Bildung sowie der Forschung"1. Die Gedenkstätte befindet sich im mittelhessischen Hadamar auf dem Gelände der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar, wo zwischen 1941 und 1945 geschätzt circa 14.500 Menschen aufgrund von psychischen Erkrankungen, Behinderungen oder sonstigen Gebrechen von den Nationalsozialist:innen ermordet wurden. Mit Verweis auf die kriegsbedingten finanziellen und materiellen Engpässe versuchten das NS-Regime die 'Krankenmorde' vor der Bevölkerung zu rechtfertigen, um so Befürwortung für ihre Morde einzuholen.

  1. Landeswohlfahrtsverband Hessen: Internationaler Ort des Gedenkens, in: Gedenkstätte Hadamar, URL: https://www.gedenkstaette-hadamar.de/ (abgerufen am: 24.04.2023).

Es gibt verschiedene Opfergruppen, die für die Zeit des Nationalsozialismus klassifiziert werden können. Die wohl bekannteste und gemessen an den Todeszahlen größte Opfergruppe bilden die Jüdinnen und Juden. In diesem Abschnitt soll es um eine andere, häufig vernachlässigte Opfergruppe gehen, nämlich um die Morde der Nationalsozialist:innen an kranken und beeinträchtigten Menschen. Insgesamt wurden im Rahmen der 'Euthanasie'-Aktionen in ganz Europa etwa 200.000 bis 300.000 Menschen getötet, weil sie vom nationalsozialistischen Regime als für die Gesellschaft 'unnütz' klassifiziert wurden.2 

In der Osnabrücker Lohstraße gibt es seit 2012 einen Stolperstein, der an Maria Stegmann, ein Opfer der 'Krankenmorde', erinnert. Sie starb 1941 im Rahmen der sogenannten 'T4-Aktion', die im folgenden Kapitel beschrieben wird. Anschließend wird der Mord an Maria Stegmann als Beispiel für die Verfolgung von Menschen mit Behinderungen aus der lokalen Perspektive beleuchtet.

  1. Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 80 Jahren. Beginn der NS-'Euthanasie'-Programme, 2019, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/295244/vor-80-jahren-beginn-der-ns-euthanasie-programme/ (abgerufen am: 03.04.2023).

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Inhaltlich verantwortlich: Niklas Poggemann

[1] Landeswohlfahrtsverband Hessen: Internationaler Ort des Gedenkens, in: Gedenkstätte Hadamar, URL: https://www.gedenkstaette-hadamar.de/ (abgerufen am: 24.04.2023).

[2] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 80 Jahren. Beginn der NS-'Euthanasie'-Programme, 2019, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/295244/vor-80-jahren-beginn-der-ns-euthanasie-programme/ (abgerufen am: 03.04.2023).