Eine Straße im Krieg

Die Lohstraße am Vortag des Ersten Weltkrieges

Zu Beginn des 20. Jahrhundert ist die Lohstraße, ähnlich wie bereits im Mittelalter, geprägt von einfachen Wohnhäusern der Arbeiter:innenschicht sowie ihrer Nähe zu religiösen und inzwischen auch militärischen Einrichtungen. An der Ecke zur Jakobstraße befand sich ein Grundstück im Besitz der katholischen Kirche, auf dem ein Mädchenheim untergebracht war (heute St. Anna Haus). Das benachbarte Dominikanerkloster war mittlerweile zur 'Klosterkaserne' bzw. 'Infanteriekaserne' geworden, in der sich möglicherweise auch einige der Gefallenen der Lohstraße aufhielten. In der näheren Umgebung fanden sich außerdem noch die 'Maschinengewehrkaserne' an der Nobbenburger Straße sowie die Caprivikaserne im Stadtteil Westerberg. Ohnehin präsentierte sich Osnabrück zu dieser Zeit mit zahlreichen militärischen Bauten, Exerzierplätzen und Kasernen als eine stark militärisch geprägte Garnisonsstadt (allgemeine Informationen zu Osnabrück im Ersten Weltkrieg gibt es in der Ausstellung Osnabrück im Ersten Weltkrieg).

Die Bewohner:innen der Lohstraße waren weiterhin stark vom Arbeiter:innenmilieu geprägt, wie die Berufe der 24 gefallenen Männer aus der Straße zeigen: Zwei von ihnen hatten keinen angegebenen Beruf, sechs waren Arbeiter, und der überwiegende Rest gehörte dem Handwerk an. Unter Letzteren befand sich der Tradition der Lohstraße entsprechend sogar noch ein Schuhmacher. Lediglich vier der Gefallenen waren Kaufleute, beziehungsweise Handlungsgehilfen, was einem etwas höherem, kleinbürgerlichen Stand entsprach. Diese Datenpunkte deuten darauf hin, dass soziale Mobilität in der Lohstraße begrenzt war und die meisten Bewohner:innen innerhalb ihrer sozialen Schicht verblieben.

Von dem überwiegenden Teil der Soldaten aus der Arbeiter:innenschicht ist heute nichts erhalten. Feldpostbriefe fanden als Nachlass häufig nur von wohlhabenderen Familien den Weg in die Archive. Sonstige Zeugnisse sind äußerst selten. 

Osnabrück und die Lohstraße im Krieg

Wie ganz Osnabrück war auch die Lohstraße den Konjunkturen des Ersten Weltkriegs ausgesetzt. Zu Beginn herrschte vielfach eine patriotische Hochstimmung ('Augusterlebnis'), der Krieg wurde begrüßt und tausende Freiwillige meldeten sich zum Dienst an der Front (siehe auch Kriegsfreiwillige). Auch Männer aus der Lohstraße meldeten sich freiwillig zum Krieg, so beispielsweise Alfred Stock.

Für viele Osnabrücker:innen war der Neumarkt der zentrale Platz der Stadt. Hier versammelten sich die Menschen, diskutierten und erwarteten den nahenden Krieg. Ab dem 02. August informierten Litfaßsäulen von der Mobilmachung des Deutschen Reiches.1 Wenig später rückten die ersten mobilisierten Truppen aus. Die Soldaten des 78. Infanterieregiments, dem viele Osnabrücker angehörten, wurden von Zivilist:innen unter Hurra-Rufen zum Bahnhof begleitet. Dort herrschte noch die Meinung vor, die Soldaten seien zurück in Deutschland "ehe noch die Blätter fallen"2.

  1. Spilker, Rolf: Osnabrück 1914–1918. Die Stadt im Ersten Weltkrieg, in: Rolf Spilker (Hrsg.): Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg. Osnabrück 1914–1918, Bramsche: Rasch Verlag 2014, S. 15–77, hier S. 15.

  2. Becker, Benedikt: Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Zitaten. "Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa", in: Süddeutsche Zeitung, 04.08.2014, URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkriegs-in-zitaten-jetzt-verloeschen-die-lichter-in-ganz-europa-1.2064231 (abgerufen am: 25.03.2023).

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Ausmarsch der '78er', Osnabrück, Neumarkt, August 1914.
Quelle: NLA OS, Dep 3b III, Nr. 588.

Schnell machte sich jedoch Ernüchterung breit, unter den Soldaten wie an der 'Heimatfront'. Die Illusion eines schnellen Krieges brach mit dem Halt des deutschen Vormarsch in sich zusammen. Der sich nun entfesselnde brutale Stellungskrieg hatte nichts mehr mit den romantischen Kriegsvorstellungen zu tun, welche die Soldaten bei Dienstantritt hegten.3 Und auch in Osnabrück war der Alltag geprägt von Mangel, Angst und Ungewissheit um den Verbleib der Angehörigen. Hierbei spielten die Feldpostbriefe der Soldaten eine wichtige Rolle. Feldpostbriefe der Soldaten wurden zu einem wichtigen Kommunikationsmittel und brachten kurzzeitig Erleichterung – bis das Warten auf die nächste Nachricht begann. Blieben Briefe aus, wuchs die Sorge.4

Mit zunehmender Dauer wurde der Krieg für die Zivilibevölkerung immer stärker spürbar, Lebensmittelrationen wurden gekürzt und Hunger machte sich breit. Außerdem waren Lazarette in der ganzen Stadt verteilt und kriegsversehrte Soldaten ein alltäglicher Anblick. Auch die Wirtschaft war in immer stärkerem Maße vom Krieg betroffen. Während Rüstungsbetriebe wie das Osnabrücker Stahlwerk oder auch die Tabakindustrie profitierten, wurden andere Branchen stark eingeschränkt5. Der freie Markt wurde durch den Krieg stark beschnitten, Rationierung und Priorisierung machten es vor allem für kleine Betriebe schwierig, an Aufträge und Rohstoffe zu kommen6. Besonders betroffen waren Handel und Handwerk, sodass die Bewohner:innen der Lohstraße im Vergleich zu anderen Straßen vermutlich überproportional unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges litten.

Gleichzeitig forderte die "vaterländische Pflicht"7, sich finanziell am Krieg zu beteiligen. Mit immer neuen Durchhalteparolen, Spendenaktionen und Kriegsanleihen sollte der Durchhaltewillen der Menschen gestärkt und der Krieg doch noch zu den eigenen Gunsten entschieden werden.8 Die Osnabrücker:innen zeichneten die Kriegsanleihen in beachtlichem Maße.9 Zu einem siegreichen Ende des Krieges reichte es trotzdem nicht. Nachdem die deutsche Siegfriedlinie von alliierten Truppen durchbrochen wurde, drängte die Oberste Heeresleitung um Erich Ludendorff auf Friedensverhandlungen und versuchte gleichzeitig, die Schuld für die Kriegsniederlage auf die politische Führung abzuwälzen. Die Revolution, die mit den Matrosenaufständen in Kiel und Wilhelmshaven begann, erfasste bald das gesamte Reich und erreichte Osnabrück am 08. November 1918.10 Revolutionäre Soldaten bildeten einen Arbeiter- und Soldatenrat, der die Klosterkaserne besetzte und mit der Stadtverwaltung verhandelte. Am 09. November erklärte Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers. In Osnabrück fand auf dem Ledenhof eine Kundgebung statt, auf der an die Osnabrücker:innen appelliert wurde, die öffentliche Sicherheit aufrechtzuerhalten, zur Arbeit zu gehen und nicht zu streiken. Verhältnisse wie in Russland nach der dortigen Oktoberrevolution sollten vermieden werden.11 Kurze Zeit später, am 11. November endete schließlich der Krieg. Die Kriegserfahrungen sollten die Osnabrücker und die Menschen der Lohstraße jedoch noch lange beschäftigen. 

  1. Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 24.

  2. Vgl. Bondzio, Sebastian/ Rass, Christoph: Gesellschaft in Angst. Urbane Erfahrungsräume und 'Massensterben' im Ersten Weltkrieg, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, 87. 2015, S. 229–253, hier S. 242, 244; Spilker, Osnabrück 2014, S. 52.

  3. Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 39, 44.

  4. Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 45; Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Steinwascher, Gerd (Hrsg.): Geschichte der Stadt Osnabrück, Belm: Meinders & Elstermann 2006, S. 445–640, hier S. 625.

  5. Spilker, Industrialisierung 2006, S. 629.

  6. Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 30.

  7. Vgl. Spilker, Industrialisierung 2006, S. 629.

  8. Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 74.

  9. Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 75, 77.

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Inhaltlich verantwortlich: Nils Drochner

[1] Spilker, Rolf: Osnabrück 1914–1918. Die Stadt im Ersten Weltkrieg, in: Rolf Spilker (Hrsg.): Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg. Osnabrück 1914–1918, Bramsche: Rasch 2014, S. 15–77, hier S. 15.

[2] Vgl. ebd., S. 204.

[3] Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 24.

[4] Vgl. Bondzio, Sebastian/ Rass, Christoph: Gesellschaft in Angst. Urbane Erfahrungsräume und 'Massensterben' im Ersten Weltkrieg, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, 87. 2015, S. 229–253, hier S. 242, 244; Spilker, Osnabrück 2014, S. 52.

[5] Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 39, 44.

[6] Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 45; Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Steinwascher, Gerd (Hrsg.): Geschichte der Stadt Osnabrück, Belm: Meinders & Elstermann 2006, S. 445–640, hier S. 625.

[7] Spilker, Industrialisierung 2006, S. 629.

[8] Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 30.

[9] Vgl. Spilker, Industrialisierung 2006, S. 629.

[10] Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 74.

[11] Vgl. Spilker, Osnabrück 2014, S. 75, 77.