Der späte Tod im Krieg
Realisierung des Undenkbaren
"Es ist, als ob wir jahrelang diese unsäglichen Mühen u. Strapazen, die fürchterlichen Stunden ausgestanden, all die blutigen Opfer gebracht u. unzählige Kameraden fallen sehen u. beerdigt hätten um ein Nichts, zum Gaudium u. Vorteil der anderen."1
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Museumsstiftung Post und Telekommunikation Berlin: Feldpostbrief Leutnant Adolf Treber an seine Familie am 15.10.1918, Westfront, Inventar-Nummer 3.2011.3956.↩

"Gedanken über Krieg und Frieden", Osnabrücker Abendpost Nr. 193, 18. August 1918, Seite 1
Quelle: NLA OS, Slg 100 III, Nr. 861.
Die Stimmung des Jahres 1918 im Deutschen Reich war zwiegespalten. In der Heimat, eingerahmt vom Januarstreik und der Novemberrevolution, wich die Hoffnung des Frühjahres auf einen 'Siegfrieden' an der Front der Realität der alliierten personellen und materiellen Übermacht. Bis weit in das Jahr 1918 hinein vermeldete die deutsche Presse jedoch Erfolgsmeldungen von der Westfront. Die einzelnen Operationen der deutschen Frühjahrsoffensive brachten zwar nochmals Geländegewinne mit sich. Dennoch fielen dort alleine zwischen dem 21. März und 05. April über 300.000 deutsche Soldaten.2
Dessen ungeachtete titelte die Osnabrücker Abendpost am 02. Juni 1918 "[w]eitere Fortschritte im Westen"3
und rühmte Geländegewinne zwischen Aisne und Oise in der Champagne. Dass sich das Kriegsglück dauerhaft gewandt hatte, war allerdings ab August überdeutlich, als die Alliierten vollends die Initiative übernahmen und die deutschen Kräfte kontinuierlich aus den eroberten Gebieten zurückdrängten. Die militärische Lage wurde unhaltbar und führte schließlich im Herbst zu politischen Umwälzungen im Deutschen Reich und Waffenstillstandsverhandlungen.
Diese politischen Entwicklungen trafen verbreitet auf Ablehnung, auch durch Unkenntnis der tatsächlichen Aussichtlosigkeit auf militärischen Erfolg:
"[...] angesichts der Vorgänge in unserem armen Vaterland aber halte ich es für angezeigt, baldigst heim zu kommen, man kann ja gar nicht wissen, was noch geschieht. Man möchte sein Haupt in Trauerflor hüllen, wie soll das enden, wohin sind wir nun gelangt, nach diesen unerhörten glorreichen Taten unseres Heeres? Es ist zum Irrewerden an aller himmlischen Gerechtigkeit."4
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Vgl. Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Steinwascher, Gerd (Hrsg.): Geschichte der Stadt Osnabrück, Belm: Meinders & Elstermann 2006, S. 445–640, hier S. 631.↩
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Onabrücker Abendpost, Nr. 127, 2. Juni 1918, S. 1.↩
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Museumsstiftung Post und Telekommunikation Berlin: Feldpostbrief Mutter an Leutnant Wolfgang Panzer am 28.10.1918, Aschaffenburg, Inventar-Nummer 3.2012.2822.↩

Beispiel einer Verlustliste in der Osnabrücker Abendpost Nr. 229, 01. Oktober 1914, Seite 3
Quelle: NLA OS, Slg 100 III, Nr. 859.
Der Umgang mit der Trauer
Anders noch als in den frühen Kriegsmonaten des Jahres 1914, als die öffentliche Präsenz der Gefallenen noch ausgeprägter war, nahm jene mit Fortlaufen des Krieges stetig ab. War es 1914 noch üblich, die offiziellen Verlustlisten in den Tageszeitungen abzudrucken, so fand diese Praktik mit Zunahme der Gefallenenzahlen im Frühjahr 1915 ein abruptes Ende. Die Todeszahlen waren schlichtweg zu hoch.5
Im Jahr 1914 kam es innerhalb der städtischen Gemeinschaft noch zu einer empathischen Anteilnahme am Schicksal der Familien, die das Leben eines Vaters, Sohnes oder Bruders zu beklagen hatten. Doch in den darauffolgenden Jahren verlagerte sich die Trauerbewältigung immer stärker vom öffentlichen in den privaten Raum. Die Opferbereitschaft der gefallenen Soldaten stand stattdessen im Fokus. Nachdem die Verlustzahlen der Osnabrücker Soldaten nach einem Höhepunkt in den Jahren 1914/15 wieder abnahm, stellte sich eine "Phase emotionaler Ignoranz" ein, die es ermöglichte, "das Sterben ein Stück weit auszublenden."6
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Vgl. Bondzio, Sebastian: Soldatentod und Durchhaltebereitschaft. Eine Stadtgesellschaft im Ersten Weltkrieg, Leiden (u.a.): Verlag Ferdinand Schöningh 2020, S. 312ff. Die Osnabrücker Abendpost druckte allerdings nur vom 1. bis zum 22. Oktober 1914 komplette Verlustlisten. Vorher veröffentlichte sie anonymisierte Daten, danach gar keine mehr.↩
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Ebd., S. 345.↩
Doch eben jener Tod traf die Menschen in Osnabrück und anderswo im Deutschen Reich geballt wieder im letzten Kriegsjahr. Bedingt durch die letztmalige Kraftanstrengung im Frühjahr 1918 kam es zu einem sprunghaften Anstieg gefallener Soldaten unter der Osnabrücker Bevölkerung. Jahre des Bangens und Hoffens sowie die stille Trauer derjenigen, die bereits Angehörige verloren hatten, wichen einer nunmehr mangelnden Bereitschaft, all diese Umstände weiter hinzunehmen. Die Todes- und Verlustnachrichten von der Front trafen in der Heimat auf eine veränderte Trauerkultur. Denn das Verbot öffentlicher Trauerbekunden sorgte bis zum Jahre 1918 genauso dafür, dass die Toten weniger sichtbar in der Gesellschaft waren, wie die Trennung selbiger entlang von sozio-kultureller Zugehörigkeiten in Form von Schichten oder Konfessionen.7 Dies sorgte dafür, dass "die relativ wenigen Todesfälle nicht über Milieugrenzen kommuniziert wurden und für die Osnabrücker somit immer nur ein kleiner Teil des Sterbegeschehens sichtbar war"8. Im vierten Kriegsjahr brachendie vormals unterdrückten Emotionen aber hervor und ließen den 'Geist von 1914' bröckeln. Der späte Tod ihrer Angehörigen im Feld war für viele Menschen nicht mehr hinnehmbar. Der Krieg war verloren.
Das Gedenken
Das öffentliche Gedenken und Erinnern an die Gefallenen manifestierte sich bereits während des Krieges. So beschloss die Stadt Osnabrück im September 1914 die Anlage eines gesonderten Kriegsgräberfeldes auf einem Abschnitt des Johannisfriedhofes, samt zentralem Denkmal.9 Doch insbesondere nach Kriegsende gestaltete sich das Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Osnabrück in Form mehrerer Denkmäler, welche nach wie vor im öffentlichen Bild der Stadt Osnabrück sichtbar sind.
Gemein ist allen, dass der erbrachten Opfer der Gefallenen gedacht wird. Allerdings schwanken die Denkmäler zwischen dem Hervorstellen von Verlust und Schmerz (lat. victima) und dem Stolz auf das Opfer für eine größere Sache (lat. sacrificium).10 Ersteres trifft auf das 1924 entstandene Kriegerdenkmal Haste und Letzteres auf das 1938 entstandene Kriegerdenkmal in der Sedanstraße zu (siehe Bildergalerie unten).
Dieser Zwiespalt spiegelt gleichsam den erinnerungskulturellen Dissens während der gesamten Weimarer Republik wieder. Es gab keinen integrativen Ansatz, der es vermochte, alle Menschen im Gedenken zu vereinen. Individuelle Trauer, Verlust und Schmerz traf auf nationalistische Heldenverehrung, Ablehnung der Republik und die Mär des 'im Felde unbesiegten Heeres'.
Die gegenwärtige Erinnerungskultur des Ersten Weltkrieges aus deutscher Perspektive wird in ihrer Bedeutung durch den nur rund zwei Jahrzehnte darauffolgenden Zweiten Weltkrieg überschattet. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen nimmt die Zeit zwischen 1914 und 1918 eine untergeordnete Rolle ein, anders als beispielsweise in Frankreich oder Großbritannien. Der sogenannte 'Große Krieg' findet dort bis heute Ausdruck im erinnerungskulturellen Konzept des 'Unbekannten Soldaten'.11
Heute wie damals mag man sich jedoch fragen, wofür so viele ihr Leben ließen.
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Vgl. NLA OS, Dep 3 b III, Akz. 2012/098, Nr. 60.↩
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Näheres zur Semantik und Einordnung dieser Bergiffe in die Erinnerungskultur, siehe: Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München: C.H. Beck 2006, S. 72ff.↩
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Vgl. Hanson, Neil: The Unknown Soldier. The Story of the Missing of the Great War, London u. a.: Doubleday 2005; Le Naour, Jean-Yves: Le soldat inconnu. La guerre, la mort, la mémoire (Découvertes Gallimard. Histoire, Bd. 531), Paris: Gallimard 2008.↩
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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel
[1] Museumsstiftung Post und Telekommunikation Berlin: Feldpostbrief Leutnant Adolf Treber an seine Familie am 15.10.1918, Westfront, Inventar-Nummer 3.2011.3956.↩
[2] Vgl. Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Steinwascher, Gerd (Hrsg.): Geschichte der Stadt Osnabrück, Belm: Meinders & Elstermann 2006, S. 445–640, hier S. 631.↩
[3] Onabrücker Abendpost, Nr. 127, 2. Juni 1918, S. 1.↩
[4] Museumsstiftung Post und Telekommunikation Berlin: Feldpostbrief Mutter an Leutnant Wolfgang Panzer am 28.10.1918, Aschaffenburg, Inventar-Nummer 3.2012.2822.↩
[5] Vgl. Bondzio, Sebastian: Soldatentod und Durchhaltebereitschaft. Eine Stadtgesellschaft im Ersten Weltkrieg, Leiden (u.a.): Verlag Ferdinand Schöningh 2020, S. 312ff. Die Osnabrücker Abendpost druckte allerdings nur vom 1. bis zum 22. Oktober 1914 komplette Verlustlisten. Vorher veröffentlichte sie anonymisierte Daten, danach gar keine mehr.↩
[6] Ebd., S. 345.↩
[7] Vgl. Bondzio, Sebastian: Soldatentod und Kriegsgesellschaft. Eine niedersächsische Stadt zwischen 'Augusterlebnis' und totaler Niederlage (Osnabrück 1914-1918), in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 90. 2018, S. 159–200, hier S. 198.↩
[8] Ebd.↩
[9] Vgl. NLA OS, Dep 3 b III, Akz. 2012/098, Nr. 60.↩
[10] Näheres zur Semantik und Einordnung dieser Bergiffe in die Erinnerungskultur, siehe: Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München: C.H. Beck 2006, S. 72ff.↩
[11] Vgl. Hanson, Neil: The Unknown Soldier. The Story of the Missing of the Great War, London u. a.: Doubleday 2005; Le Naour, Jean-Yves: Le soldat inconnu. La guerre, la mort, la mémoire (Découvertes Gallimard. Histoire, Bd. 531), Paris: Gallimard 2008.↩
