Familienstruktur
Um die entsprechenden Angaben der Volkszählung zu strukturieren, sollten zuerst die Begriffe 'Haushalt' und 'Familie' genauer definiert werden. Das statistische Bundesamt bietet aktuelle Definitionen für beide Begriffe und nutzt diese für den Mikrozensus. So ist ein 'Privathaushalt' entweder eine wirtschaftliche Einheit mehrerer zusammenlebender Personen, ein Mehrpersonenhaushalt, oder aus einer einzeln lebenden und wirtschaftenden Person, ein Einpersonenhaushalt. Hierzu zählen auch Untermieter. Hervorzuheben ist hierbei, dass die Zugehörigkeit zu einem Privathaushalt an eine Wohnung geknüpft ist.1
Eine aktuelle Definition einer 'Familie' des Statistischen Bundesamtes, welche auch im Mikrozensus genutzt wird, beschreibt diese in Form einer Systematik verschiedener Lebensformen. Der Begriff Familie umfasst hierbei alle Eltern-Kind-Gemeinschaften. Hierzu zählen Ehepaare, Alleinerziehende, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit ledigen Kindern. Zu letzteren zählen ebenfalls Adoptiv-, Stief- und Pflegekinder. Als 'Kinder' zählen ledige Personen, ohne Begrenzung des Alters, welche mit mindestens einem Elternteil in einem Haushalt leben.2
Eine Analyse des angegebenen Familienstandes, gegliedert nach den jeweiligen Angaben ledig, verheiratet, geschieden oder verwitwet gibt einen Einblick in die Struktur der Haushalte und lässt Rückschlüsse über die Zahl der Mehr- und Einpersonenhaushalte in der Lohstraße zu.
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Vgl. Statistisches Bundesamt: Methodische Hinweise zur Haushalte- und Familienberichterstattung, in: Destatis, 2020, URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Haushalte-Familien/Methoden/Downloads/methodische-hinweise.html (abgerufen am 05.03.2025), S. 4.↩
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Vgl. ebd., S. 5f.↩
Von den insgesamt 182 Bewohner:innen befindet sich die überwiegende Mehrzahl mit einem Anteil von etwa 60% in einem Heiratsverhältnis. Der Anteil der ledigen Personen beläuft sich auf etwa 35%. Hierunter sind jedoch auch Minderjährige zu zählen, was wiederrum den Anteil der ledigen, erwachsenen Personen deutlich reduziert. Als verwitwet sind lediglich sechs Personen vermerkt, vier lebten geschieden. Es lässt sich somit schließen, dass die überwiegende Mehrheit der Personen in festen familiären Strukturen lebte.
Um einen genaueren Überblick über die Zahl der Ein- und Mehrpersonenhaushalte zu bekommen, eignet sich ein Blick auf die Haushaltungsvorstände, welche auch für die Angaben in den einzelnen Bögen verantwortlich waren. Es geht hervor, dass von den insgesamt 61 Haushaltungsvorständen, von denen 49 männlich und 12 weiblich waren, 14 entweder ledig, geschieden oder verwitwet waren. 47 Haushaltungsvorstände waren dagegen verheiratet. Ein genauerer Blick auf die 14 nichtverheirateten Haushaltsvorständen ergibt, dass von diesen sechs allein lebten, während die Übrigen mit mehreren Personen in anderen Lebensformen zusammenlebten.
Von den sechs alleinstehenden Personen waren vier weiblich und zwei männlich. Beide männliche Haushaltungsvorstände waren ledig, von den weiblichen eine, eine weitere geschieden und zwei verwitwet. Unter dieser Gruppe befand sich eine Person, welche einen Flüchtlingsausweis besaß. Es handelte sich hierbei um den Haushaltungsvorstand Herbert Thomas, geboren am 04. August 1931, welcher sich laut Angabe am 01. September 1939 in dem Ort Blüchersruh im Kreis Breslau in Schlesien aufhielt. Wohnhaft war dieser zum 13. September 1950 in der Lohstraße Nr. 43, wo er als Untermieter der Familie Veith nach eigener Angabe in der Dachkammer bzw. in einem Abstellraum lebte. Er arbeitete als ungelernter Arbeiter, als Maurer, bei der Firma Falkenhorst in Osnabrück.
Aus der Übersicht über die Haushaltungsvorstände geht hervor, dass es in der Lohstraße am 13. September 1950 insgesamt 55 Mehrpersonenhaushalte gab. Von diesen waren 47 Haushaltungsvorstände verheiratet, zwei geschieden, drei verwitwet und drei lebten alleinständig. Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei etwa 3,1 Personen pro Mehrpersonenhaushalt. Die Zahl der Kinder, also ledigen Personen unter 21 Jahren, belief sich auf 41 Personen, was durchschnittlich circa 0,75 Kinder pro Mehrpersonenhaushalt entspricht.

Ausschnitt aus dem Hauhaltungsbogen des in der Lohstraße 21 wohnhaft gewesenen Adolf Bronny.
Quelle: NLA HA Nds., Nds. 112, Nr. 36498.
Wie ein Mehrpersonenhaushalt, welcher nicht dem traditionellen Familienbild entspricht, in der Lohstraße aussehen konnte, zeigt folgendes Beispiel. Der Haushaltungsvorstand Adolf Bronny lebte am 13. September 1950 in der Lohstraße Nr. 21 und betrieb dort im selben Haus eine Bäckerei. Am 1. September 1939 hielt er sich in Vancouver, Kanada, auf. Aus dem jeweiligen Volkszählungsbogen geht hervor, dass mit ihm eine andere Familie zusammenlebte. Bei dieser handelte es sich um eine Frau Frieda Wyziek mit den Töchtern Margot und Brigitte, welche vor dem Krieg in Driesen (Neumark) in Pommern gelebt hatten. Der zur Familie gehörige Ehemann wird als vermisst angegeben. Gemäß den Angaben besaßen sowohl Herr Bronny als auch die Familie Wyziek einen Flüchtlingsausweis. Aus dem Bogen geht weiterhin hervor, dass Frau Wyziek gemäß dem Verhältnis zum Haushaltungsvorstand als 'Wirtschafterin' eingetragen ist und sowohl sie als auch ihre älteste Tochter als Aushilfen in der Bäckerei von Adolf Bronny arbeiteten. Weitere Informationen zu der Beziehung zwischen der Familie Wyziek und dem Haushaltungsvorstand Adolf Bronny und der Art des Zusammenlebens gehen aus dem Volkszählungsbogen nicht hervor. Jedoch illustriert dieses Beispiel den Einfluss, den der Krieg und die 'Heimatvertreibung' auf das soziale Gefüge der Lohstraße hatte.
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Inhaltlich verantwortlich: Johannes Pufahl
[1] Vgl. Statistisches Bundesamt: Methodische Hinweise zur Haushalte- und Familienberichterstattung, in: Destatis, 2020, URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Haushalte-Familien/Methoden/Downloads/methodische-hinweise.html (abgerufen am 05.03.2025), S. 4.↩
[2] Vgl. ebd., S. 5f.↩
