Kurt Papritz
Kurt Hugo Theodor Gustav Papritz, genannt Kurt, wurde am 12. Juli 1887 als Sohn der Eheleute Albert und Johanna Papritz in Berlin geboren. Die Familie führte ein einfaches Leben, sein Vater war Gastwirt. Kurt entschied sich für den Beruf des Hoboisten. Nach seinem Umzug nach Osnabrück lebte er gemeinsam mit seiner Frau Else, geborene Schäfer, in der Lohstraße Nr. 59. Die beiden hatten am 23. September 1916 mitten im Ersten Weltkrieg geheiratet, wie aus der Eintragung ins Heiratsregister hervorgeht.
Während des Krieges trug Kurt den Dienstgrad des Vizefeldwebels und gehörte zum Infanterie-Regiment 'Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig' (Ostfriesisches) Nr. 78. Wie aus der Angabe einer Verlustliste hervorgeht, gehörte Kurt zur 3. Kompanie des Ersatzbataillons. In welchem Umfang der Soldat somit aktiv an vorderster Front gekämpft hat, lässt sich aus den Kriegsdokumenten nicht rekonstruieren. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Kurt wie viele andere Soldaten im Kriegsverlauf mehrere Dienstgrade und Kompanien durchlaufen hat und somit auch in das direkte Kampfgeschehen involviert war. Das Infanterie-Regiment Nr. 78 war im Winter 1915/16 am Chemin des Dames, im Herbst 1916 am Stochid, in der Schlacht an der Aisne und 1917 bei Beaumont-en-Verdunois eingesetzt. Die Kampfhandlungen dieses Regiments werden sehr eindrücklich in den Kriegstagebüchern des Soldaten Dietrich Lüken beschrieben, der zeitweise wie Kurt Papritz der 3. Kompanie des Ersatzbataillons des Infanterie-Regiments 78 angehörte und verschiedene Kompanien desselben durchlief. Am 08. Mai 1915 schreibt er beispielsweise in Polen: "Nordostwärts dieses Ortes stößt das Regiment auf starke russische Stellungen. I. und II. Batl. sind in vorderer Linie und erhalten Auftrag, die feindlichen Stellungen zu erkunden. Hierbei stellt sich heraus, daß auch in der rechten Flanke sich feindliche Gräben befinden, gegen die nun das III. Batl. ebenfalls angesetzt wird [...]. Um 5.00 nachm. quollen aus den dem I. und II. Batl. gegenüber befindlichen Gräben braune, erdfarbene Gestalten in immer wachsender Zahl und setzen zum Sturm an. Unaufhörlich erscheinen neue Sturmwellen, die sich gegen die 78er vorschoben, unaufhörlich knattern die deutschen Gewehre und rasseln die deutschen Maschinengewehre [...]. Die Besatzung wird zum Teil niedergemacht, zum Teil im Nahkampf zurückgedrängt. Der Zug des Vizefeldwebels Weber der 5. Komp. und die 8. Komp. unter Oberleutn. d. Res. Kuhlmann ging sofort zum Angriff über, eroberte die verlorenen Maschinengewehre zurück und nahmen von der russischen Abteilung gefangen, was nicht verwundet oder tot am Boden lag [...]. 223 Gefangene ließ er in der Hand des I.R. 78 zurück. Recht erheblich waren jedoch die Verluste des Regiments: Es waren gefallen: 3 Offze., 29 Uffze. und Mannsch., verwundet: 4 Offze., 178 Uffze. und Mannsch., vermißt 7 Mann."1
Kurt Papritz überlebte als einer der wenigen Soldaten der Lohstraße den Krieg und kehrte nach Hause zurück. Auf den ersten Blick wirkt das für uns heute wie ein Grund zu feiern: Jemand, der die schrecklichen Kriegsjahre als Soldat überlebt hat und nach Hause zu seiner Familie zurückkehren konnte – so denken wir vielleicht – muss eine große Erleichterung und Freude verspürt haben.
Doch Kurt Papritz erschoss sich zwölf Tage nach Kriegsende. Er hatte also den Ersten Weltkrieg überstanden, als Soldat um sein eigenes Überleben gekämpft und setzte seinem Leben dann knapp zwei Wochen nach Kriegsende mit 31 Jahren selbst ein Ende. Kurt Papritz Suizid ist möglicherweise auch auf den Tod seiner Frau Else zurückzuführen, die wenige Tage vor ihm, am 19. November 1918, mit nur 23 Jahren verstarb. Der Verlust seiner geliebten Frau, die er mit seiner Rückkehr aus dem Krieg doch gerade erst wieder in die Arme hatte schließen können, war mit großer Sicherheit ein nicht zu verkraftender Schicksalsschlag. Doch ebenso ist es sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass Kurt Papritz, so wie viele andere Soldaten des Ersten Weltkrieges, mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung heimgekehrt ist und für diese traumabedingte Erkrankung in seiner damaligen Zeit keine Behandlung gefunden hätte. Dies hat möglicherweise maßgeblich zu seinem Suizid beigetragen.
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Dirksen, Hinrich: Käme doch bald wieder Friede, damit man wieder weiß, was Leben heißt! Weltkriegstagebücher und Feldpost des Lehrers Dietrich Lüken aus Remels, Hinte: Eigenverlag 2006, 2. Auflage, S. 76.↩
Auslöser für Kriegstraumata lassen sich sehr detailliert beschrieben in den Aufzeichnungen der Soldaten selbst finden. Das Kriegstagebuch des Soldaten Dietrich Lüken sei hier beispielhaft anzuführen. Auch für die Osnabrücker Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg besteht eine Sammlung von Schriften in Form von Feldpostbriefen, die in der Osnabrücker Abteilung des Niedersächsischen Landesarchivs zu finden sind. Hierin schilderten die Soldaten an der Front in sehr eindrücklichen Worten die Erlebnisse für ihre Angehörigen zuhause in Osnabrück. Für Kurt Papritz liegt ein solcher Feldpostbrief leider nicht vor, jedoch können wir uns stellvertretend anhand Briefe anderer Osnabrücker Soldaten ein Bild von seiner damaligen Situation machen.
Exemplarisch soll hier auf die Briefe eines Osnabrücker Soldatens namens Heinrich Wietheuper eingeganen werden. Der Sohn eines Eisenbahnschaffners arbeitete als Handlungsgehilfe. Er starb am 13. November 1914 als Unteroffizier bei Kamienna und schrieb an der Front mehrere Briefe für seine Familie. Anhand seiner Beschreibungen können wir uns ein grobes Bild davon machen, welches Leid die Soldaten ertragen mussten und mit welchen psychischen Belastungen die Überlebenden von ihnen heimgekehrt waren. So schrieb Heinrich Wietheuper an ein Familienmitglied: "Das Elend in Russland ist unbeschreiblich [...]. Du weißt ja als Soldat, was marschieren heißt. Du kennst aber nur die Marsche in Deutschland. Bei uns gibt's Straßen, die darf man gar nicht so nennen. Entweder grundloser Dreck oder loser Sand. So ungefähr, als wenn du mitten über die Rennbahn auf der Netterheide gehst. Nun marschiere mal [...] eine Woche lang ohne Ruhetage in solch einer Gegend. Manchmal ging's schon nachts um 2 oder 3 Uhr loß bis nachmittags zum Dunkelwerden. Pferde sind uns unheimlich viel kreppiert vor Erschöpfung [...]"2. In einem anderen Brief schreibt er: "Wir haben außerordentlich anstrengende Tage hinter uns [...] Was ich hier an Mord und Brand gesehen habe, ist so gar nicht zu beschreiben [...] Tagelang haben wir kein heiles Haus gesehen. Alles verbrannt und zerstört [...]. Zweimal bin ich im Gefecht gewesen, und das eine Mal nur durch ein Wunder dem Tod entronnen. Zwei Mann von meiner Kompanie sind tot. Sieben verwundet [...]. Wir wurden von russischer Artillerie stark beschossen, sodass uns die Granatensplitter nur so um den Kopf flogen. Meinem Vordermann ging ein Splitter 3 Mal durch den Rock und zerriß ihm das Koppel. Ein Wachen hinter uns wurde von einem Schrappnel getroffen. Der Fahrer und ein Pferd getötet."3
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Inhaltlich verantwortlich: Anna Schlutter
[1] Dirksen, Hinrich: Käme doch bald wieder Friede, damit man wieder weiß, was Leben heißt! Weltkriegstagebücher und Feldpost des Lehrers Dietrich Lüken aus Remels, Hinte: Eigenverlag 2006, 2. Auflage, S. 76.↩
[2] NLA OS, Dep 3 b III, Nr. 598, Aufnahme 14.↩
[3] Ebd.↩


