Wilhelm Langschmidt

Auf dem Weg in den Krieg

Zu allen Zeiten des Krieges fielen die als Soldaten ausgezogenen Bewohner der Lohstraße. Besonders tragisch allerdings erscheint der Tod nur wenige Wochen vor dem am 11. November 1918 geschlossenen Waffenstillstand von Compiègne.

Portrait Wilhelm Langschmidt

Wilhelm Langschmidt in der Uniform des Fußartillerieregiment 10, 1918.
Quelle: NLA OS, Dep 3 b III, 625/4, Bild 558.

Zu jenen späten Gefallenen gehört Wilhelm Langschmidt, geboren am 26. April 1899,  wohnhaft in der Lohstraße 27. Er war der zweitgeborene Sohn aus der Ehe des Schlachtermeisters Heinrich Wilhelm und Sofie Auguste Wiemer. Insgesamt fünf Kinder entstammten der Familie des protestantischen Kleinbürgertums.

Wilhelm erlernte den Beruf des Kaufmanns und arbeitete als Handlungsgehilfe, als er am 15. Februar 1918 zum Militär eingezogen wurde. Dort leistete er zuletzt seinen Dienst in der 1. Batterie des I. Hannoverschen Bataillons, Niedersächsisches Fußartillerie Regiment 10.

Das I. Bataillon kämpfte seit Kriegsausbruch durchgehend an verschiedenen Abschnitten der Westfront, so auch bei Verdun, in den Argonnen und der Champagne. Im Laufe des Krieges wurde dem Bataillon konstant Ersatz zugeführt. So waren während der gesamten Dauer des Krieges rund 4500 Soldaten Angehörige des Bataillons, bei einer nominalen Gefechtsstärke von 30 Offizieren und 900 Unteroffizieren/Mannschaften.1 Zu jenem Ersatz gehörte auch Wilhelm.

Um die Zeit seiner Einberufung brach im vierten Kriegsjahr zunehmenden Entbehrungen an der Front und in der Heimat zum Trotz nochmals ein wenig Zuversicht im Deutschen Reich auf. Der am 03. März 1918 geschlossene Friedensvertrag von Brest-Litowsk beendete die Kampfhandlungen an der Ostfront und ließ Truppen für die deutsche Frühjahrsoffensive im Westen freiwerden. Der erhoffte 'Siegfrieden' schien greifbar und stärkte letztmalig die Zuversicht der Angehörigen in der Heimat. Gleichwohl muss ihnen bewusst gewesen sein, dass eine Offensive mit einer erhöhten Gefahr für ihre Väter, Söhne und Brüder einhergehen musste.

  1. Vgl. Wendlandt, Helmuth: Das I. Hannoversche Bataillon des Niedersächsischen Fußartillerie-Regiments Nr. 10. Nach den amtlichen Kriegstagebüchern, Oldenburg: G. Stalling 1922, S. 239.

Die Abwehrkämpfe zwischen Oise und Aisne. Ende September bis Anfang November 1918.
Die Abwehrkämpfe zwischen Oise und Aisne. Ende September bis Anfang November 1918
Quelle: Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres: Der Weltkrieg 1914 bis 1918. Die militärischen Operationen zu Lande (Beilagen zum vierzehnten Bande: Die Kriegsführung and der Westfront im Jahre 1918), Berlin: Mittler 1944, Beilage 31.
Deutsche Kriegsgefangene bei Saint-Germainmont, Oktober 1918

Deutsche Kriegsgefangene bei Saint-Germainmont, Oktober 1918
Quelle: La contemporaine, Université Paris Nanterre, Collection Madame Dastrevigne, Guerre 1914-1918, PV/0025/0232.

An der Front

Zwar konnten die kaiserlichen Truppen nochmals Bodengewinne verzeichnen, doch erlahmte der Vormarsch zusehends. Im August 1918 ergriffen die Alliierten endgültig die Initiative und drängten die Deutschen in der 'Hunderttageoffensive' immer weiter nach Nordosten zurück. Im Zuge dieses rückwärtsgerichteten Bewegungskrieges kam auch Wilhelm Langschmidt zum Einsatz. Als Angehöriger des I. Bataillons kämpfte er im Oktober 1918 in der Hunding-Stellung zwischen Rethel und La Fère, ca. 35 km nordöstlich von Reims.

Am Morgen des 25. Oktober 1918 begann ein Großangriff auf die Hunding-Stellung. Nach einer Feuerwalze ihrer Artillerie rückten Einheiten des französischen 407. Infanterie-Regiments vor, um die deutschen Kräfte hinter einen kleinen, durch Saint Fergeux verlaufenden Bach zurückzuwerfen.2 Nachdem die französische Artillerie bereits große Verluste unter den Angehörigen des I. Bataillons verursachte, gelang es der nachrückenden französische Infanterie in die ersten Stellungen der Hauptwiderstandslinie südwestlich von Saint Fergeux einzudringen. Im Zuge dessen wurde auch der 'Champagnerberg' genommen. Die dortigen Artilleriebeobachter des I. Bataillons geraten größtenteils in Kriegsgefangenschaft.3

An jenem Tag, in einer chaotischen Lage, verliert sich die Spur von Wilhelm Langschmidt. Sein Schicksal blieb vorerst ungewiss. Der Krieg ging noch einige Wochen weiter und endete schließlich mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918. Sicherlich verbreitete sich Erleichterung in der Heimat, dass der Krieg endlich ein Ende fand, verbunden mit der Hoffnung, dass das vielfach unbekannte Schicksal der Angehörigen im Felde einen positiven Ausgang nehme möge. Doch für viele Familien sollte der Verbleib ihrer Väter, Söhne und Brüder auch nach Kriegsende hinaus ungewiss bleiben.

  1. Vgl. Chagnoux, P.: Historique du 407e régiment d´infanterie pendant la guerre 1914–1918. Nancy (u.a.): Berger-Levrault 2014, S. 24.

  2. Vgl. Wendlandt, Bataillon 1922, S. 184.

Deutsche Verlustlisten vom 18. Dezember 1918

Ausschnitt Deutsche Verlustlisten vom 18. Dezember 1918.
Quelle: Preußische Verlustliste Nr. 1320, in: Ausgabe 2260 der Deutschen Verlustlisten, S. 28340.

Ruhestätte der Familien Wilhelm Langschmidt - Paul Latz

Ruhestätte der Familien Wilhelm Langschmidt – Paul Latz auf dem Hasefriedhof in Osnabrück
Foto: Benjamin Rosenstengel.

Ungewissheit

Erstmals taucht das weitere Schicksal Wilhelm Langschmidts in einer offiziellen Verlustliste vom 18. Dezember 1918 auf: "leicht verwundet und vermisst."4 Es sollte jedoch noch bis zum 6. April 1923 dauern, bis das Nachweiseamt für Kriegerverluste und Kriegergräber (ZAK) in Berlin-Spandau den Tod Wilhelms in einer Sterbefallanzeige der Stadt Osnabrück übermittelte: "Am 25. Oktober 1918 bei St. Fergeux, Höhe 155 gefallen und dortselbst beerdigt. Umbettung kann stattgefunden haben"5 .

Die genauen Todesumstände lassen sich gerade vor dem Hintergrund des nahen Kriegsendes und des folgenden Chaos nicht mehr rekonstruieren. Immerhin aber brachte diese späte Nachricht ein Stück Gewissheit für die Hinterbliebenen. Nach der Todesnachricht 1923 übergab Heinrich Wilhelm Langschmidt ein Foto seines Sohnes dem Staatsarchiv Osnabrück. Wilhelm war einer der späten gefallenen Soldaten Osnabrücks und der letzte Gefallene der Lohstraße vor Ratifizierung des Waffenstillstandes vom 11. November 1918.

Als einer von insgesamt 5386 Toten ist er auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Asfeld, circa 12 km südwestlich von Saint Fergeux, begraben. Die vormals angesprochene mögliche Umbettung fand 1920 statt.6 Im selben Jahr erwarb auch der Vater Wilhelm Langschmidts ein Familiengrab auf dem Hasefriedhof, welches mit dem Kenotaph Wilhelms bis heute erhalten ist.


  1. Preußische Verlustliste Nr. 1320, in: Ausgabe 2260 der Deutschen Verlustlisten, S. 28340.

  2. NLA OS, Rep 492 S, Nr. 214.

  3. footnote citation here

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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel

[1] Vgl. Wendlandt, Helmuth: Das I. Hannoversche Bataillon des Niedersächsischen Fußartillerie-Regiments Nr. 10. Nach den amtlichen Kriegstagebüchern, Oldenburg: G. Stalling 1922, S. 239.

[2] Vgl. Chagnoux, P.: Historique du 407e régiment d´infanterie pendant la guerre 1914–1918. Nancy (u.a.): Berger-Levrault 2014, S. 24.

[3] Vgl. Wendlandt, Bataillon 1922, S. 184.

[4] Preußische Verlustliste Nr. 1320, in: Ausgabe 2260 der Deutschen Verlustlisten, S. 28340.

[5] NLA OS, Rep 492 S, Nr. 214.

[6] Vgl. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.: Frankreich. Kriegsgräberstätte Asfeld, in: Volksbund, URL: https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/asfeld (abgerufen am: 15.03.23).