Desillusionierung

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Prof. Dr. Harald Husemann in seinem Büro an der Universität Osnabrück
Quelle: Universität Osnabrück: Prof. Dr. Harald Husemann, in: Universität Osnabrück, URL: https://www.lili.uni-osnabrueck.de/institut_fuer_anglistikamerikanistik/lehre/lehrende.html?no_cache=1 (abgerufen am: 31.05.2025).

Harald Husemann, pensionierter Professor für englische Literatur und britische Kulturwissenschaften, hat die Universitätsgründung Osnabrücks und damit auch die Jahre der Erprobung des Einphasigen Modells selbst als Dozent miterlebt. Auf Nachfrage erklärte sich Husemann bereit, seine Erinnerungen an die Einphasige Lehrerausbildung zu teilen und seine Sicht auf das Modell darzulegen: "Die Einphasige Lehrerausbildung fand ich gut. […] Es waren wirklich sehr gute Ansätze, vor allem aus studentischer Sicht, weil man wirklich Praxisbezug hatte […] und in der Praxis lernte man – passt das wirklich für mich, halte ich das aus?"1 

  1. Das Interview mit Harald Husemann wurde am 30.10.2024 geführt. Husemann gab sein Einverständnis zur Aufnahme des Gesprächs sowie zur Veröffentlichung der Inhalte.

Doch was in der Theorie innovativ und effizient klang, erwies sich in der Praxis bald als problematisch. Die Umsetzung der Einphasigen Lehrerausbildung stieß rasch auf Herausforderungen. Husemann zufolgte fühlte sich der Studienalltag an "wie auf einer Baustelle"2.

Einer der Hauptkritikpunkte war, dass die zunächst als positiv eingeordnete Integration von Theorie und Praxis schnell zu einer Überlastung der Studierenden führte. Die Anforderungen, akademische Inhalte sowie gleichzeitig Praxiserfahrungen in einem einzigen Ausbildungsprozess zu bewältigen, wurden als sehr hoch empfunden. Viele Studierende klagten zusätzlich über eine fehlende Unterstützung durch die Lehrenden. Konkurrenz- und Leistungsdruck, Dequalifizierungen, Studienabbrüche und psychisches Überforderung waren häufige Konsequenzen.3 

Die angesprochene fehlende Unterstützung lässt sich auf bestehende personelle Engpässe zurückführen. Insbesondere der Mangel an Kontaktlehrern, den Schlüsselfiguren der Einphasigen Ausbildung, stellte ein entscheidendes Problem dar. Obgleich ihnen die neuartige Tätigkeit unter anderem Möglichkeiten bot, der Routine des Schulalltags teilweise zu entgehen, sich fortzubilden, Verbindung zur Hochschule zu pflegen und sich mit der Arbeit mit Studierenden selbst herauszufordern, herrschte dennoch ein zahlenmäßiger Mangel an Kontaktlehrern in der praktischen Betreuung der Studierenden.4 Erschwerend hinzu kam, dass zu wenig berufspraktische Ausbildungsbildungsplätze in den Schulen geschaffen wurden, sodass eine Durchführung des Modells mit einem derart hohen Praxisanteil unmöglich war.5 

Von den Hochschullehrkräften wurde zudem ein besonderes Maß an Engagement für die Reformen im Bildungswesen und in der Lehrerausbildung erwartet. Sie waren nicht mehr nur für die Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten verantwortlich, sondern mussten nun in gemeinsamer Kooperation mit den Kontaktlehrern die Inhalte für die schulische Umsetzung aufbereiten sowie den praktischen Ausbildungsunterricht der Studierenden begleiten und sie darin unterstützen. Dies verlangte eine zeitlich und räumlich erhebliche Reisetätigkeit, was Husemann im Gespräch wie folgt beschreibt: "Zu den Lehrproben […] fuhr ich einen langen Vormittag in irgendeine Provinzschule, guckte mir da eine Stunde oder Doppelstunde an, dann ging man hinterher Kaffee trinken, […] besprach erst die Stunde, dann das Persönliche."6 Husemann betont zwar den Vorteil des engen persönlichen Kontakts, indem aber der universitäre Alltag parallel fortbestand, kam es zu Defiziten: "In der Zwischenzeit musste ja hier in der Uni jemand die Seminare bestreiten und das waren dann wieder freigestellte Lehrer aus den umliegenden Schulen [Kontaktlehrer], die zwar eine didaktische Ausbildung hatten, aber nun ja nicht unbedingt auf Universitätsniveau. Das machte die Sache eben schwierig"7. Die Durchführung von Projekten und Praktika als zusätzliche Aufgabe wurde als enormer Belastungsfaktor empfunden.8 

  1. Husemann, Harald: "Wie auf einer Baustelle". Die einphasige Lehrerausbildung an der Universität Osnabrück, in: Osnabrücker Geschichtsblog, Dezember 2020, URL: https://hvos.hypotheses.org/5501 (abgerufen am: 19.10.2024).

  2. Vgl. Bürmann, Ilse et. al.: Einphasige Lehrerausbildung an der Universität Osnabrück. Probleme des Reformprozesses und Erfahrungen mit Lehrveranstaltungen im ersten Studienabschnitt (Hochschuldidaktische Materialien, Bd. 57), Osnabrück: Arbeitsgemeinsch. f. Hochschuldidaktik e.V 1976.

  3. Vgl. Döbrich, Peter/ Kodron, Christoph/ Mitter, Wolfgang: Einphasige Lehrerausbildung in Oldenburg. Gutachten für die Universität Oldenburg, Oldenburg: Univ., Zentrum für Pädag. Berufspraxis 1981, S. 105107.

  4. Vgl. Hascher, Tina/ Winkler, Anja: Analyse der einphasigen Modelle der Leher_innenbildung in verschiedenen Ländern anhand einer Dokumentenanalyse und Expert_innenbefragungen, in: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Februar 2017, URL: https://www.gew.de/fileadmin/media/publikationen/hv/Hochschule_und_Forschung/Ausbildung_von_Lehrerinnen_und_Paedagogen/Zukunftsforum_Lehrer_innenbildung/2017-02_Analyse_Einphasige_Lebi_2017_web.pdf (abgerufen am: 02.10.2024).

  5. Interview mit Harald Husemann am 30. Oktober 2024.

  6. Ebd.

  7. Vgl. Kriszio, Marianne/ Steinbrink, Ulrich: Modellversuch Einphasige Lehrerausbildung an der Universität Oldenburg. Selbstkritisches Resümee eines Experiments, in: Zeitschrift für Pädagogik, 26. 1980, H. 4, S. 559–580, hier S. 573.

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Inhaltlich verantwortlich: Lisa Gödiker

[1] Das Interview mit Harald Husemann wurde am 30.10.2024 geführt. Husemann gab sein Einverständnis zur Aufnahme des Gesprächs sowie zur Veröffentlichung der Inhalte.

[2] Husemann, Harald: "Wie auf einer Baustelle". Die einphasige Lehrerausbildung an der Universität Osnabrück, in: Osnabrücker Geschichtsblog, Dezember 2020, URL: https://hvos.hypotheses.org/5501 (abgerufen am: 19.10.2024).

[3] Vgl. Bürmann, Ilse et. al.: Einphasige Lehrerausbildung an der Universität Osnabrück. Probleme des Reformprozesses und Erfahrungen mit Lehrveranstaltungen im ersten Studienabschnitt (Hochschuldidaktische Materialien, Bd. 57), Osnabrück: Arbeitsgemeinsch. f. Hochschuldidaktik e.V 1976.

[4] Vgl. Döbrich, Peter/ Kodron, Christoph/ Mitter, Wolfgang: Einphasige Lehrerausbildung in Oldenburg. Gutachten für die Universität Oldenburg, Oldenburg: Univ., Zentrum für Pädag. Berufspraxis 1981, S. 105–107.

[5] Vgl. Hascher, Tina/ Winkler, Anja: Analyse der einphasigen Modelle der Leher_innenbildung in verschiedenen Ländern anhand einer Dokumentenanalyse und Expert_innenbefragungen, in: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Februar 2017, URL: https://www.gew.de/fileadmin/media/publikationen/hv/Hochschule_und_Forschung/Ausbildung_von_Lehrerinnen_und_Paedagogen/Zukunftsforum_Lehrer_innenbildung/2017-02_Analyse_Einphasige_Lebi_2017_web.pdf (abgerufen am: 02.10.2024).

[6] Interview mit Harald Husemann am 30. Oktober 2024.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Kriszio, Marianne/ Steinbrink, Ulrich: Modellversuch Einphasige Lehrerausbildung an der Universität Oldenburg. Selbstkritisches Resümee eines Experiments, in: Zeitschrift für Pädagogik, 26. 1980, H. 4, S. 559–580, hier S. 573.