Bürgerverein gegen das AVZ - Es wird konkret am Westerberg

Die Planung zur Standortverlegung der Universität an den Westerberg werden schließlich Ende Juni 1971 konkreter. Die Neue Osnabrücker Zeitung berichtete am 28. Juni, dass neben der Entscheidung des Gründungsausschusses der Universität, die Ingenieurakademien in Haste und am Westerberg zu integrieren ebenso der Beschluss gefasst wurde, ein Allgemeines Verfügungszentrum (AVZ) am Westerberg zu errichten. Bei der Auswahl möglicher Standorte standen neben dem Westerberg lediglich Optionen in der Innenstadt zur Auswahl. Der Raumbedarf beliefe sich laut Gründungsausschuss auf ca. 13.600m² und ca. 750 Parkplätze zusätzlich zu bereits vorhandenen Räumlichkeiten.1

  1. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 1/71 S. 20.

Uni-Zentrum am Westerberg.jpg

"Uni-Zentrum am Westerberg?", Neue Osnabrücker Zeitung, 02.11.1971
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 6/1971, S. 5.

Uneinigkeit mit dem Kultusministerium

Die langwierige Suche nach geeigneten Bauflächen und der konfliktträchtigen Diskussion um den Standortwechsel zum Westerberg brachten Verzögerungen hinsichtlich der Inbetriebnahme der Universität mit sich. So etwa wurde die bisherige Zeitplanung, vor allem im Bezug auf den Studienbeginn, infrage gestellt.2 Der Gründungsausschuss erklärte im Juni, dass der Bau des AVZs für den Studienbeginn dringend notwendig sei. In diesem Gebäude sollten nach damaligen Plänen unter anderem Büros, Studierenden- und Dozierendenwohnungen eingerichtet werden.3 Im Rahmen einer Pressenkonferenz des Gründungsausschusses am 28. Juli traten schließlich neue Schwierigkeiten bei der Einrichtung des AVZs in Erscheinung. So etwa bemängelten Mitglieder des Ausschusses die Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Kultusministerium, welches die Eignung des geplanten Standortes anzweifelte, ohne Alternativen vorzuschlagen. Die Stadt Osnabrück, so wird im Artikel der Neuen Osnabrücker Zeitung weiterhin festgestellt, würde die Standortentscheidung des Gründungsausschusses dagegen unterstützen.4

Diese Unterstützung erstreckte sich scheinbar aber nur auf das AVZ, während andere Gebäude der Universität unberührt blieben, wie ein Artikel des Oberstadtdirektors vom 04. August 1971 zeigt. Darin bekräftigt er, dass die Stadt weiter den Standort Atter/Hellern favorisiere. Gleichzeitig bezweifelt er die Eignung des Westerberg als Universitätsstandort, sollten die Kasernen nicht zeitnahe aufgelöst werden.5 Die Planung des AVZ scheint auch Ende August 1971 nicht grundlegend vorangeschritten zu sein. In verschiedenen Artikeln werden in dieser Angelegenheit sowohl Kultusministerium als auch Gründungsausschuss kritisiert.6 Die Spannungen zwischen diesen beiden Akteuren zeigen sich deutlich in einem Artikel der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 09. September 1971. Dort wird auf einen Vorschlag des Ministeriums Bezug genommen, demzufolge das AVZ nicht am Westerberg, sondern nahe dem ehemaligen Mädchengymnasium in der Innenstadt errichtet werden könnte. Diese Empfehlung stieß besonders beim Gründungsausschuss auf Ablehnung, welcher dem Kultusministerium vorwarf seine Arbeit mit diesem verspäteten Vorschlag zu sabotieren.7 Im Hinblick auf den geplanten Studienstart 1972 bot eine Gruppe Osnabrücker Architekt:innen dem Kultusministerium Ende September 1971 an, das Verfügungszentrum in Schnellbauweise auf dem Gelände am Westerberg zu errichten.8 Dieser Vorschlag wurde von der Stadt positiv aufgenommen und im Kultusministerium wollte man die Prüfung des Vorschlages anstellen. In Folgezeit wurde der Gründungsausschuss vom Kultusministerium kritisiert, da dieser durch die ausstehende Entscheidung zum Universitätsstandort die Planungen verzögere.9

  1. Vgl. ebd., S. 22.

  2. Vgl. ebd., S. 29.

  3. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 2/71 S. 1.

  4. Vgl. ebd., S. 4.

  5. Vgl. ebd., S. 6.

  6. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 3/71 S. 4.

  7. Vgl. ebd., S. 6.

  8. Vgl. ebd., NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 4/71.

Die Einwohner:innen stellen Fragen

Mit der Aufstellung eines Bebauungsplanes zum AVZ-Standort am Westerberg im Oktober 1971 kam erneut Bewegung in die Planung. Die Neue Osnabrücker Zeitung schreibt, dass für das AVZ eine Erweiterungsfläche der Ingenieurakademie genutzt werden sollte und dass die Stadt explizit die Grünflächen am Westerberg als öffentliche Nutz- und Bauflächen ausgewiesen habe. Darüber hinaus seien von der Stadt einige verkehrsplanerische Maßnahmen eingeleitet worden, um die Anwohner:innen des Westerberges durch das erhöhte Verkehrsaufkommen nicht zu sehr zu belasten. Der Bürgerverein Nordwest zeigte sich trotz dieser Maßnahmen nicht überzeugt. In einem Gastbeitrag in der Neuen Osnabrücker Zeitung wiederholt der Verein seine Sorge, dass eine weitere Ansiedlung der Universität am Westerberg durch den Bau des AVZ wahrscheinlicher werde. Darüber hinaus warnte der Verein vor weiteren verkehrsbaulichen Veränderungen, da die Zahl benötigter Parkplätze den Bau eines zusätzlichen Parkhauses erforderlich mache.10 Um den Planungsfortschritten entgegenzuwirken, ließ der Verein am 16. Oktober 1971 einen Artikel in der Neuen Osnabrücker Zeitung abdrucken, der acht Fragen an die Stadtverwaltung zum Bau des AVZ enthielt. In diesen Fragen kommen vor allem die Unzufriedenheit des Vereins über angeblich mangelhafte Prüfverfahren und die fehlende Beteiligung der Bevölkerung zum Ausdruck. Der Bürgerverein nimmt auch Bezug auf die Anfang des Jahres vorgetragenen Bedenken der CDU.11

Zwei Tage später folgte schließlich eine Antwort des Oberstadtdirektors auf die Fragen des Bürgervereins. In dieser begründete er die Eile beim Bau des AVZ mit dem geplanten Studienstart 1972. Aus dieser Zeitnot heraus sei es auch nicht möglich andere Alternativen zu finden. Bezüglich der Beteiligungsmöglichkeiten der Anwohner:innen verweist der Oberstadtdirektor auf die deutliche Mehrheit bei der Annahme des Bebauungsplanes. Gleichzeitig versichert er, dass der Rat gegen eine weitere Bebauung des Erholungsgebietes Westerberg sei. Vor allem stellt der Oberstadtdirektor den geplanten Bau als reines Verwaltungsgebäude dar, das keine starke Frequenzierung und damit auch keine nachteiligen verkehrsplanerischen Maßnahmen nach sich ziehen würde.12 Diese Meinung wurde auch von der Osnabrücker FDP geteilt. In einem Artikel der Neuen Osnabrücker Zeitung argumentiert die Fraktion, dass das AVZ nicht die Aussicht vom Westerberg schmälern, sondern vielmehr die unschönen Kasernen verdecken würde. Am selben Tag wurde in der NOZ eine Begehung des Westerbergs durch den Bürgerverein angekündigt, an der auch Sudierende teilnehmen sollten.13

In der medialen Berichterstattung der Folgetage offenbart sich ein stark negativ konnotiertes Bild von Studierenden. So wurde unter anderem von "randalierenden und demonstrierenden Studenten"14 geschrieben. Weiterhin wurde vor einer extremen linken Gesinnung der Studierenden und des Universitätspersonals gewarnt. Darüber hinaus wurde den Studierenden unterstellt, sich nicht um die Entwicklung der Stadt, und insbesondere des Westerbergs zu kümmern, da sie Osnabrück nach ihrem Studium ohnehin verlassen würden. Einzig der Allgemeine Studierendenausschuss der Fachhochschule stellte sich gegen diese Anschuldigungen.15

Mitte November 1971 erhob der Bürgerverein Nordwest Einspruch in den Bebauungsplan und die Bürgergemeinschaft Caprivistraße-Albrechtstraße richtete einen Fragenkatalog bezüglich der Standortfrage und dem Bau des AVZ an die Ratsherren, der sich stark an den vom Bürgerverein Nordwest formulierten Fragen orientierte.16 Die Tagesausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 20. November 1971 druckte schließlich die Antwort der Ratsparteien ab. Die Fraktionen der CDU und FDP scheinen vor allem darauf ausgerichtet worden zu sein, die Anwohner:innenschaft möglichst zu besänftigen. Sie versprechen unter anderem die Erhaltung der Grünflächen, die Begrenzung von Bauvorhaben auf dem Westerberg, die anwohnerfreundliche Gestaltung des AVZ und die Festlegung auf den Universitätsstandort Atter/Hellern. Der Beigeordnete der SPD antwortete in einem deutlich harscheren Ton und wehrte sich gegen allgemeine Unterstellungen der Bürgergemeinschaft. In seinem Schreiben behauptet er, dass das AVZ als reines Verfügungszentrum den landschaftlichen Charakter des Westerberges nicht beeinträchtigen würde. Darüber hinaus bekräftigt er den Wunsch des Rates die Grünflächen des Westerberges zu erhalten. Schließlich stimmt er der Bürgergemeinschaft auch in dem Sinne zu, dass er den Standort Atter/Hellern für den Bau der Universität am geeignetsten hält.17

Insgesamt ist also festzustellen, dass der Widerstand gegen den Bau des AVZ auf dem Westerberg Ende 1971 hauptsächlich von Seiten der organisierten Anwohner:innenschaft ausging, während die Ratsfraktionen, das Kultusministerium und der Gründungsausschuss relativ geschlossen hinter dem Projekt standen. Die Neue Osnabrücker Zeitung vertrat über verschiedene Kommentare eine kritische Sicht auf das Bauprojekt. 

  1. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 5/71, S. 2.

  2. Vgl. ebd.

  3. Vgl. ebd., S. 8.

  4. Vgl. ebd., S. 12.

  5. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 6/71.

  6. Vgl. ebd.

  7. Vgl. ebd., S. 21.

  8. Vgl. ebd., S. 30.

Berichterstattung über Aushandlungsprozesse zum Bau des Allgemeinen Verfügungszentrums in der Neuen Osnabrücker Zeitung im Laufe des Jahres 1971
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225.

_________________________________________________________________

Inhaltlich verantwortlich: Tim Kobilke

[1] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 1/71 S. 20.

[2] Vgl. ebd., S. 22.

[3] Vgl. ebd., S. 29.

[4] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 2/71 S. 1.

[5] Vgl. ebd., S. 4.

[6] Vgl. ebd., S. 6.

[7] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 3/71 S. 4.

[8] Vgl. ebd., S. 6.

[9] Vgl. ebd., NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 4/71.

[10] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 5/71, S. 2.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd., S. 8.

[13] Vgl. ebd., S. 12.

[14] NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 6/71.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. ebd., S. 21.

[17] Vgl. ebd., S. 30.