Wir haben eine Universität!

„Was den ´Konkurrenzkampf´ mit Oldenburg anbelangt, glaubt der Stadtkämmerer aus Pressemeldungen wie auch aus persönlichen Gesprächen mit dem Kultusminister und Prof. Wortmann schließen zu dürfen, daß die Sache für Osnabrück als chancenreich bezeichnet werden darf.“1

  1. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 367.

Die Konkurrenz schläft nicht

Die Stadt Oldenburg war in ihrem Bestreben als Standort für die zweite Landesuniversität ausgerufen zu werden ebenso engagiert wie Osnabrück. Bereits 1959 formierte sich dazu der 'Förderkreis einer Universität in Oldenburg', der fortwährend darum bemüht war, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, lokal und regional, auf seine Seite zu ziehen. Ende der 1960er-Jahre eskalierte jedoch der 'Städtekrieg' zwischen Oldenburg und Osnabrück. Beide Seiten waren sich bewusst, dass sie jeweils Vor- und Nachteile hinsichtlich der Standortfrage mit sich brachten. Jedoch stellte sich auch die Frage, inwiefern die Städte sich inhaltlich in das Gesamtgefüge der Hochschulplanungen des Landes Niedersachsen einfügen würden. 

Ausgewählte Presseschau zur Konkurrenz zwischen Osnabrück und Oldenburg, 1969
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II.

Eine ausgiebige Presseschlacht nahm ihren Lauf, jedoch ergaben sich beidseitig Bemühungen um einen Ausgleich. So fand das 'Osnabrücker Modell' auch Anerkennung durch Professoren der Oldenburg Abteilung der Pädagogischen Hochschule Niedersachen, "weil es für die kommende Universität eine genaue Struktur erarbeitet hat."2 Der CDU-Fraktionschef in Osnabrück, Senator Dr. Scholz, schlug zeitgleich vor, man solle in Kontakt mit Oldenburg treten. Die jeweiligen Vorstellungen einer Universität sollten dadurch koordiniert werden, sodass vielleicht alle Beteiligten profitieren.3

Tatsächlich schien es in der Leussink-Kommission einen Stimmenvorteil für Oldenburg gegeben zu haben: In einem Brief an den Oberstadtdirektor Fischer plädierte Prof. Kittel als Mitglied der Kommission für zwei Teiluniversitäten, da Osnabrück alleine schlechter dastehen würde als Oldenburg.4 Bereits in einem Brief vom 15. März 1969 an den Vorsitzenden der Osnabrücker Hochschulkommission, Prof. Dr. Haller, hatte Kittel offenbart, dass er froh sei, eine Standortempfehlung "durch unsere Kommission zu verhindern." Eine solche Wahl wäre "mit hoher Wahrscheinlichkeit für Oldenburg ausgefallen".5

  1. Helmers, Hermann/ Schulenberg, Wolfgang: Zur Frage einer Universität im Nordwesten Niedersachsens, Oldenburg: Heinz Holzberg Verlag 1969, S. 7.

  2. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 359.

  3. Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 379.

  4. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 464.

Auf der Zielgeraden

Neue Zuversicht brachte das am 01. September 1969 vom Bundestag beschlossene 'Hochschulbauförderungsgesetz'. Es sah den Aus- und Neubau von Hochschuleinrichtungen als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern vor – somit auch eine Aufteilung der finanziellen Lasten. Die Länder hatten jährlich den Wissenschaftsrat und somit den Bund über ihren aktuellen Stand sowie zukünftige Planungen und Ziele im Hochschulsektor zu unterrichten. Die Unterlagen für den ersten Rahmenplan sollten dem Wissenschaftsrat bis zum 01. Juli 1970 übergeben werden.6 

  1. Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 510.

Hochschulkommission Osnabrück: Vorsitzender Dr. Raimund Wimmer und stellvertretender Vorsitzender Prof. Dr. Siegfried Oppolzer.

Der Vorsitzende Dr. Raimund Wimmer und der stellvertretende Vorsitzende Prof. Dr. Siegfried Oppolzer der Hochschulkommission Osnabrück, Bildausschnitt aus der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 09. Dezember 1969
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 487.

Am 10. September 1969 trat in Osnabrück erstmalig die erweiterte Hochschulkommission zusammen. Führende Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft aus der Stadt und den umliegenden Kreisen unterstrichen erneut die Notwendigkeit, die „nächste niedersächsische Landesuniversität in Osnabrück zu errichten“7. Entsprechend dem Hochschulbauförderungsgesetz wurde der Niedersächsische Kultusminister gebeten, bis zum 01. Juli 1970 eine Entscheidung herbeizuführen.

Derweil wurde auch das Land Niedersachsen tätig: Eine 'Planungskommission zur Erarbeitung eines Hochschulgesamtplanes' wurde berufen.8 An selbige wandt sich auch prompt die Osnabrücker Handwerkskammer, um für eine Universität in Osnabrück zu plädieren. Ihre Mitglieder unterschrichen, dass der durch die Gebietsreform bedingte Wegfall des Regierungsbezirks Osnabrück zu wirtschaftlichen Beeinträchtigungen führen würde. Die Universität würde sich dagegen wirtschaftsfördernd auf die Region auswirken.9 

Das am 20. November 1969 fertiggestellte Oldenburger Standortgutachten von Prof. Dr. Böventer der Universität Heidelberg nahm die Osnabrücker Hochschulkommission um ihren Vorsitzenden, Stadtkämmerer Wimmer, als "keineswegs beunruhigend"10 wahr.

  1. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 461.

  2. Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 471.

  3. Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 476f. Von 1972–1978 führte Niedersachsen eine umfassende kommunale Gebietsreform durch. 1978 ging der Regierungsbezirk Osnabrück im Regierungsbezirk Weser-Ems auf. Sitz der Bezirksregierung wurde Oldenburg.

  4. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 481.

Wann fängt das Studieren an?

Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), 05. März 1974.

Beitrag 'Der Weg von der Adolf-Reichwein-Hochschule zur Universität' in der Neuen Osnabrücker Zeitung, 05. März 1974
Quelle: NLA OS, NOZ-Archiv, Mappe "Pädagogische Hochschule", NOZ-Artikel vom 05.03.1974.

Mit dem Zusammentreten der Planungskommission des Landes Niedersachsen am 06. Dezember 1969 fällt schließlich eine Entscheidung in der Standortfrage: Sowohl Osnabrück als auch Oldenburg sollten eine Universität bekommen. Oberstadtdirektor Fischer drückte seine Freude hinsichtlich der Ereignisse aus. Wimmer bewertete das Urteil als "entscheidender Schritt in der Entwicklung der Stadt"11. Im Freudentaumel richtete sich der Blick aber schnell in die Zukunft: "Was die Planung angehe, so sei daran gedacht, die Universität Osnabrück zum 1.1.1971 in Vollzug zu setzen."12

Im April 1970 erschien die 'Denkschrift zur Gründung der Universitäten Oldenburg und Osnabrück' zur Grobplanung des weiteren Vorgehens. Eine Gesamthochschule war geplant, also eine Verbindung aus Universität und Fachhochschule. Letztere wurde dann aber 1971 separat als Fachhochschule Osnabrück gegründet. Einige Monate später, am 25. August 1970 beschloss die neue Niedersächsische Landesregierung formell die Errichtung der beiden Universitäten. Einen Monat später wurde ein Gründungsausschuss berufen, der im Frühjahr 1971 seine Arbeit aufnahm. Die Herausforderungen, mit denen sich dieser in den nächsten Jahren konfrontiert sah, waren nicht minder ereignisreich als die Gründung der Universität selbst. Fragen nach Finanzierungsmöglichkeiten, Räumlichkeiten und der Strukturierung der zukünftigen Osnabrücker Universität sollten deren Eröffnung immer wieder verschieben.

Am 05. Dezember 1973 wird das 'Gesetz über die Organisation der Universitäten Osnabrück und Oldenburg' erlassen. 14 Jahre waren vergangen, seitdem Oberstadtdirektor Joachim Fischer – seit 1972 durch den vormaligen Stadtkämmerer Dr. Raimund Wimmer im Amt beerbt – erstmalig mit Dr. Konrad Müller, Staatssekretär im Niedersächsischen Kultusministerium, Kontakt aufnahm. Nun war es endlich soweit: Zum Sommersemester 1974 begann der Betrieb der Universität Osnabrück mit 1806 Studierenden.13 

  1. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 486.

  2. Ebd.

  3. Vgl. NLA OS, NOZ-Archiv, Mappe "Pädagogische Hochschule", NOZ-Artikel vom 05.03.1974.

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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel

[1] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 367.

[2] Helmers, Hermann/ Schulenberg, Wolfgang: Zur Frage einer Universität im Nordwesten Niedersachsens, Oldenburg: Heinz Holzberg Verlag 1969, S. 7.

[3] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 359.

[4] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 379.

[5] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 464.

[6] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 510.

[7] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 461.

[8] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 471.

[9] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 476f. Von 1972–1978 führte Niedersachsen eine umfassende kommunale Gebietsreform durch. 1978 ging der Regierungsbezirk Osnabrück im Regierungsbezirk Weser-Ems auf. Sitz der Bezirksregierung wurde Oldenburg.

[10] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 481.

[11] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil II, Blatt 486.

[12] Ebd.

[13] Vgl. NLA OS, NOZ-Archiv, Mappe "Pädagogische Hochschule", NOZ-Artikel vom 05.03.1974.