Umsetzung an der Universität Osnabrück

Sitzungsprotokoll des Gründungsausschusses der Universität Osnabrück anlässlich der Anhörung von Sachverständigen der Universitäten Bremen und Berlin bezüglich der Einführung des Projektstudium vom 25. Juni 1971
Quelle: Blumberg, Ernst Johnny (Hrsg.): IGH Osnabrück. Dokumentation zum Planungsprozeß, Osnabrück: 1972, S. 3–8.

Das Projektstsudium war ein hochschuldidaktischer Ansatz, der vor der Gründung der Universität Osnabrück bereits an anderen Universitäten angewandt und getestet wurde. Auf diese Erfahrungen wollte der Gründungsausschuss der Universität Osnabrück zurückgreifen, um sie im weiteren Planungsprozess zu berücksichtigen. Am 25. Juni 1971 wurden Sachverständige der Universitäten Berlin und Bremen zu einer Sitzung des Gründungsausschusses nach Osnabrück eingeladen, um Chancen und Herausforderungen des Projektstudiums zu diskutieren. Anhand des Protokolls wird die Komplexität des Konzeptes deutlich. Frau Busch von der Universität Bremen beschreibt das Projektstudium mit in Gruppen durchgeführten problembezogenen, berufsorientierten und interdisziplinären Projekten als eine Utopie, die allerdings mit einer Vielzahl an Hürden kollidiere. Widerstand ergäbe sich beispielsweise aus antiquierten Prüfungsordnungen und einer unsicheren Finanzierung der Studiengänge. Herr Wieczorek von der Universität Bremen wies darauf hin, dass durch das Projektstudium Schranken abgebaut und Fachbereiche zur Kooperation angeregt werden sollten.1 Nach dieser Anhörung der Sachverständigen und einer weiterführenden Abwägung stellte der Gründungsausschuss im November 1971 "grundsätzliche Überlegungen zu der Struktur von Projektgruppen und Projektbereichen"2 in Aussicht.

  1. Vgl. Blumberg, Ernst Johnny (Hrsg.): IGH Osnabrück. Dokumentation zum Planungsprozeß, Osnabrück: 1972.

  2. Korte-Zapke, Brigitte/ Marggraf, Rainer: Dokumentation: Projektstudium zum SS 72, Osnabrück: 1972, S. 104–105.

Die Idee für ein Projekt mit gesellschaftlicher Relevanz und der Berücksichtigung gesellschaftswissenschaftlicher Fragestellungen kann hochschulintern oder durch externe Impulse entstehen. Eine Projektgruppe wird durch den Beschluss des Projektbereichsrats in Absprache mit den betroffenen Gremien gegründet. Die Teilnehmenden der Projektgruppe melden sich freiwillig, um für einen bestimmten Zeitraum am Projekt mitzuwirken. Ein Projekt kann von einer Gruppe begonnen und von einer anderen weitergeführt werden. Die Größe einer Projektgruppe hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es muss gewährleistet werden, dass verschiedene Fachgebiete die Vielseitigkeit einer Fragestellung sicherstellen, dass Ergebnisse für die Forschung und für die Lehre erzielt werden, die in einem angemessenen Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln stehen, und dass die Möglichkeit besteht, eine Gruppe aufzuteilen und zu verschiedenen Teilfragen arbeiten zu lassen. Daraus ergibt sich eine Gruppengröße von 25–70 Personen, die sich aus jeweils drei bis zehn Hochschullehrenden sowie Graduierten und zehn bis zwanzig Studierenden zusammensetzt. Im Entwicklungsplan wird ein Mittelwert von drei Hochschullehrern, fünf Gradierten und 30 Studierenden angenommen. Mittel für die Durchführung der Projekte werden vom Projektbereichsrat verteilt. Projektgruppen können zeitlich begrenzten Zugang zu Werkstätten oder Laboren erhalten.3 

  1. Vgl. ebd. S. 108.

Vorlesungsverzeichnis SoSe 1974.jpg

Erläuterungen zur Orientierungsphase im Vorlesungsverzeichnis des Sommersemester 1974
Quelle: Universität Osnabrück: Vorlesungsverzeichnis für das SS 1974, Osnabrück 1974, S. 66.

Auf Beschluss des Gründungsausschusses im Oktober 1971 sollten also Forschung, Lehre und Studium in Osnabrück in Projekten durchgeführt und in Projektzentren organisiert werden. Für den Reformflügel des Gründungsausschusses war dieser Beschluss zentral für den weiteren Aufbau der Universität. Der konservative Flügel, der sich überwiegend aus Lehrkräften der Pädagogischen Hochschule zusammensetzte, stand dem Projektstudium kritisch gegenüber und fürchtete das Modell "werde die Universität unter eine ideologische (linke) Fuchtel zwingen"4. Die anschließenden Diskussionen und Verhandlungen ergaben schließlich, dass die Universität nicht in Projektzentren, sondern in Fachbereichen organisiert werden sollte. Ansätze dieses Modells wurden trotz der auch öffentlich angeführten Kritik in die Praxis umgesetzt.5 

Im ersten Personal- und Veranstaltungsverzeichnis der Universität Osnabrück zum Sommersemester 1974 heißt es, die "Beziehung von Wissenschaft auf gesellschaftliche Praxis wird durch die Projektform des Curriculums gewährleistet: das Projekt ist die Form, in der in Forschung, Lehre und Studium die Entwicklung eines gesellschaftlichen Poblem-/Praxisbereichs theoretisch rekonstruiert wird"6. Es war vorgesehen, dass alle Studierenden der Universität zunächst eine Orientierungsphase durchlaufen, die in Projekten organisiert war. Studierende der Lehramtsstudiengänge konzentrierten sich auf Fragestellungen aus dem Projektbereich 'Ausbildungssektor', während in den sozialwissenschaftlichen Studiengängen zusätzlich die Projekte 'Wirtschaftsstrukturelle Entwicklung', 'Sozialstrukturelle Entwicklung' und 'Wirtschaftlich-technische Entwicklung und Qualifikationsstrukturen' angeboten wurden.7 

  1. Zimmer, Wendelin: Turbulente Zeiten. Ein Lesebuch zur Geschichte der Universität Osnabrück, Osnabrück: Univ.-Verl. Rasch 1999, S. 30.

  2. Vgl. ebd., S. 29–30.

  3. Universität Osnabrück. Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1974, S. 66.

  4. Vgl. ebd.

Vorlesungsverzeichnis WiSe 1974-1975, S. 76f..jpg

Beschreibung des Projektes Ausbildungssektor im Vorlesungsverzeichnis des Wintersemesters 1974/1975, S. 76–79
Quelle: Universität Osnabrück: Vorlesungsverzeichnis für das WS 1974/75, Osnabrück 1975, S. 76–79.

Im Personal- und Veranstaltungsverzeichnis des Folgesemesters lassen sich weitere Ausführungen und Erläuterungen zu den Projekten finden. So wurde als Ziel für das Projekt 'Ausbildungssektor' "die Erarbeitung der gesellschaftlichen, d. h. ökonomischen, politischen und sozio-kulturellen Bedingungen des Ausbildungswesens in der BRD"8 benannt. Im Rahmen des Projektes standen verschiedene Veranstaltungen zur Auswahl, die von Mitarbeitenden verschiedener Fachbereiche betreut wurden, wie zum Beispiel das Seminar 'Ökonomische, bildungspolitische, schulische Struktur der Region West-Niedersachsen unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitsbedingungen der Lehrer'.9

  1. Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis WS 1974/1975, S. 76.

  2. Vgl. ebd.

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Inhaltlich verantwortlich: Julia Koopmann

[1] Vgl. Blumberg, Ernst Johnny (Hrsg.): IGH Osnabrück. Dokumentation zum Planungsprozeß, Osnabrück: 1972.

[2] Korte-Zapke, Brigitte/ Marggraf, Rainer: Dokumentation: Projektstudium zum SS 72, Osnabrück: 1972, S. 104–105.

[3] Vgl. ebd. S. 108.

[4] Zimmer, Wendelin: Turbulente Zeiten. Ein Lesebuch zur Geschichte der Universität Osnabrück, Osnabrück: Univ.-Verl. Rasch 1999, S. 30.

[5] Vgl. ebd., S. 29–30.

[6] Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1974, S. 66.

[7] Vgl. ebd.

[8] Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis WS 1974/1975, S. 76.

[9] Vgl. ebd.