Der ehemalige Gestapokeller im Schloss
Während des Nationalsozialismus wurde auch das Schloss zu einem Ort, von dem aus das NS-Regime seine Politik und Verfolgung durchzusetzen versuchte. Ab 1938 belegte die Geheime Staatspolizei Osnabrück den Westflügel des Osnabrücker Schlosses und richtete dort Büroräume sowie Zellen für Häftlinge ein. Zuvor war die Gestapo im ehemaligen Regierungsgebäude am Wall untergebracht, in dem sich heute die Polizeidirektion Osnabrück befindet. Aufgrund des anwachsenden Verfolgungsapparates und der Verselbstständigung der Gestapo wollte diese ursprünglich in ein eigenes Gebäude neben dem Schloss ziehen. Der Plan über den Bau eines eigenen Gebäudes wurde aufgegeben, trotzdem wechselte die Gestapo ihren Sitz in den Jahren 1940–1942 in das Hotel Schaumburg, von wo aus sie im Jahr 1942 allerdings wieder in das Schloss zurückkehrte. 1944 musste die Gestapo-Stelle noch einmal in das Marienhospital verlegt werden, weil die Räume im Schloss durch Bombenangriffe unbenutzbar waren. Die Häftlinge der Gestapo wurden im Laufe der Zeit in verschiedenen Hafträumen untergebracht. Neben dem Polizeigefängnis und dem Landgerichtsgefängnis wurden auch Häftlinge in fünf Zellen im Keller des Westflügels des Schlosses inhaftiert. "Insbesondere im Hausgefängnis im Schloss ist es öfter zu Misshandlungen gekommen"1. Aus dem Westflügel des Schlosses und den anderen Räumlichkeiten, in denen der NS-Staatsschutz untergebracht gewesen ist, schaltete und verwaltete die Gestapo die Überwachung der Bevölkerung. Sie ordnete "strenge Verweise [an], nahm Personen in 'Schutzhaft', ordnete Überstellungen in ein Konzentrationslager an, führte Hinrichtungen an Zwangsarbeitern durch oder organisierte die Deportation der jüdischen Bevölkerung."2
Heute befindet sich in den ehemaligen Hafträumen der Gestapo im Keller des Schlosses die Gedenkstätte Gestapokeller. Die folgende Bildergalerie zeigt Ausschnitte aus der Gedenkstätte:
Zentrale Orte der Gedenkstätte Gestapokeller
Fotos: Lea Horstmann.

Gedenktafel zur Erinnerung an den 'Folterkeller' der Gestapo an der Außenfassade des Schlosses Osnabrück
Foto: Lea Horstmann.
Neben der Gedenkstätte befindet sich heute an der Außenfassade des Westflügels des Schlosses Osnabrück eine bronzene Gedenktafel, die über den 'Folterkeller' der Gestapo Osnabrück informiert. Auf der Tafel heißt es:
"Gestapo – Folterkeller. Pogromnacht 09. November 1938: Die inhaftierten Osnabrücker Juden werden im Keller des Schlosses durch die Geheime Staatspolizei misshandelt und von hier aus in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert. In fünf Zellen im Schlosskeller werden in der Folgezeit weitere Häftlinge gefoltert. Der Westflügel des Osnabrücker Schlosses ist von September 1943 bis zu seiner Zerstörung am 12.10.1944 durch einen Bombenangriff Sitz der Osnabrücker Gestapo. Insgesamt werden bis zum Jahr 1945 etwa 500 Bürger jüdischen Glaubens aus Osnabrück und Umgebung in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt."
Bis die Tafel angebracht und eine Gedenkstätte entstehen konnte, hat es allerdings viele Jahre gedauert. Über die Nutzung des Gebäudes, seitdem sich die Universität im Schloss befand, schreibt die Gedenkstätte auf ihrer Homepage.3
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Vgl. o. A.: Nutzung nach 1945, in: Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht, URL: https://gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de/historische-orte (abgerufen am: 15.10.2024).↩

Bauplan für den Umbau des Kellergeschosses des Westflügels 1970
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz 2009/050 Nr. 78.
Auch aus Akten und Plänen zum Umbau der Pädagogische Hochschule 1970 ergibt sich, dass sich in den ehemaligen Zellen bereits vor der Umbaumaßnahme 1970 eine Waschküche, ein Vorratsraum und die Treppe zur Küche befanden. Diese Räume blieben beim Umbau unverändert, da sich im Erdgeschoss des Westflügels die Mensa befand. Eine Nutzung als Waschküche, Vorratsraum, oder allgemein Lagerraum scheint bis zu den Planungen für eine Gedenkstätte fortbestanden zu haben. In einigen Pressemitteilungen der Universität wird über die Mensa und Cafeteria im Schloss berichtet, was darauf schließen lässt, dass auch diese Räume fortbestanden.4 Da die Baupläne für spätere Umbaumaßnahmen noch nicht zugänglich sind, lässt sich nur vermuten, dass mit der Verlegung der Zentralmensa auch die Kellerräume im Schloss nicht mehr als Waschküche oder Vorratsräume, sondern eher als Lagerräume genutzt worden sind. Die Räumlichkeiten, in denen sich während des Nationalsozialismus die fünf Haftzellen der Gestapo befanden, sind strukturell in dem Bauplan von 1970 noch sehr deutlich zu erkennen.
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 5.↩

Interview mit einem ehemaligen Häftling der Gestapo über den Gestapokeller
Quelle: Sammlung Infoladen Osnabrück.
1977 berichtete der ehemalige Häftling Wilhelm Kröger in einem Interview über seine Verhaftungen durch den NS-Staatsschutz und den Zustand des ehemaligen Gestapokellers zum Zeitpunkt des Interviews. Aus dem Gespräch geht hervor, dass sich Wilhelm Kröger und sein Interview-Partner den ehemaligen Gestapokeller während ihres Gesprächs angeschaut haben. Kröger erzählt, dass er zweimal von der Gestapo verhaftet worden sei. Beim zweiten Mal sei er bereits im Büro eines Gestapo-Beamten verprügelt und danach über die Kellertreppe in eine der Zellen geschleppt worden. In dem Interview macht er deutlich, dass sich die Treppe in den Keller des Westflügels und zu den ehemaligen Gestapozellen bis 1977 gar nicht verändert habe. Auch eine Zelle sei zu dem Zeitpunkt noch deutlich zu erkennen gewesen. Weiter führte er aus: "Auch die Räume der jetzigen Uni-Studenten waren Haftzellen."5 Kröger sprach sich in dem Interview dafür aus, dass die Universität ihre Geschichte aufarbeiten und sich um die Erhaltung der ehemaligen Zelle bemühen sollte. Ebenso plädiert er für eine Kennzeichnung des Ortes. "Wenn man in Teilen der Folterräume der Nazizeit heute friedlich sein Studentenbier trinkt, sollte man wissen, wo man es tut und alles dafür tun, daß das Biertrinken in diesen – und anderen – Räumen nicht wieder abgelöst wird durch bestialische Foltereien."6 Er weist damit auch darauf hin, dass ein Teil des heutigen Unikellers während der Zeit des Nationalsozialismus durch die Gestapo genutzt wurde.

Pressemitteilung über die Anbringung einer Gedenktafel am Schloss
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 5.
Eine solche Kennzeichnung des Ortes geschah allerdings erst 1995 als an der Außenfassade die bronzene Gedenktafel angebracht wurde. Mit einer Pressemitteilung informierte die Universität über die Einweihung der Tafel sowie weitere Projekte zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Die Pressemitteilung stammt vom 30. Oktober 1995, die Tafel wurde, wie es aus der Mitteilung hervorgeht, am 9. November 1995 – anlässlich des Jahrestags der Reichspogromnacht – eingeweiht. Weiter wird aus der Pressemitteilung deutlich, dass die Tafel auf Betreiben einiger Angestellter der Universität veranlasst und auch von diesen bezahlt worden ist. Zusätzlich zu der Gedenktafel sollte "im Sommersemester 1996 eine Lehrveranstaltung zum Thema 'Nationalsozialismus in Osnabrück. Orte organisierter Gewalt' stattfinden"7. Professor Martin Bennhold betont in der Pressemitteilung, dass wenig zu diesen Orten bekannt sei und die Veranstaltung darauf abziele, dies zu ändern und den vielen verfolgten Opfern zu gedenken. Darüber hinaus sollten die Ergebnisse der Veranstaltung als Vorbereitung "zur Gestaltung einer öffentlich zugänglichen Dokumentation im Keller des Westflügels"8 dienen. Offenbar scheinen sich 1995 erstmals Vorbereitungen und Planungen zur Konzeption eines Gedenkraums beziehungsweise einer Dokumentation und Aufarbeitung der Geschichte des Westflügels des Schlosses formiert zu haben. In der Pressemitteilung lässt sich aber auch der 1995 noch herrschende schlechte Kenntnisstand über die Zeit des Nationalsozialismus herauslesen. So heißt es zu Beginn des Schreibens, dass der Westflügel "offiziell nur für ein Jahr – zwischen September 1943 und Oktober 1944 – Sitz der Geheimen Staatspolizei"9 war. Diese Aussage konnte korrigiert werden: Wie Weitkamp aufgezeigt hat, war die Gestapo seit 1938, allerdings mit Unterbrechungen, im Westflügel des Schlosses untergebracht.10
Im Archiv des Allgemeinen Studierendenausschusses lassen sich Schreiben finden, aus denen hervorgeht, dass sich um die Anbringung der Gedenktafel eine größere Diskussion entsponnen hat. Demnach habe der Studierendenausschuss im Rahmen eines "antifaschistischen Demonstrationszug[es]"11 versucht, eine provisorische Gedenktafel anzubringen, was allerdings von der Polizei verhindert worden sei.
Heute befindet sich an der Außenfassade immer noch die 1995 angebrachte, teils inkorrekte beziehungsweise eindimensionale, Bronzetafel. Die Gedenkstätte Gestapokeller ist seit 2001 in den ehemaligen Kellerräumen der Gestapo untergebracht. Sie erinnert mit einer Dauerausstellung an die Beteiligung und die Verbrechen der Gestapo im NS-Staat. Ebenso ist eine Zelle wiederhergestellt worden und zeugt von den Grausamkeiten, die Häftlinge hier erleben mussten.
Die Gedenkstätte kann zu den Öffnungszeiten vor Ort besucht oder über die nachfolgende Online-Tour digital besichtigt werden:
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NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 5.↩
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Ebd.↩
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Ebd.↩
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Vgl. Weitkamp, Zentrale 2015, S. 95–96.↩
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O. A.: Konzept für den Demonstrationsrundgang in Osnabrück anläßlich des 50. Jahrestages der Befreiung Osnabrücks 04.04.1995 unter dem Motto: 'Der Tod ist ein Meister in Deutschland. Nichts ist vergeben, keine/r ist vergessen, Osnabrück: o. D.↩
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Inhaltlich verantwortlich: Lea Horstmann
[1] Weitkamp, Sebastian: Zentrale des Terrors. Die Gestapo Osnabrück 1933–1945, in: Thorsten Heese (Hrsg.): Topografien des Terrors. Nationalsozialismus in Osnabrück (Osnabrücker Kulturdenkmäler, Bd. 16), Bramsche: Rasch Verlag 2015, S. 90–105, hier S. 96.↩
[2] Ebd., S. 91.↩
[3] Vgl. o. A.: Nutzung nach 1945, in: Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht, URL: https://gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de/historische-orte (abgerufen am: 15.10.2024).↩
[4] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 5.↩
[5] O. A.: Die Gestapo im Westflügel des Schlosses zu Osnabrück. Ein Interview mit einem Gequälten, in: Antifa-Beiträge aus Osnabrück, 5. 1977.↩
[6] Ebd.↩
[7] NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 5..↩
[8] Ebd.↩
[9] Ebd.↩
[10] Vgl. Weitkamp, Zentrale 2015, S. 95–96.↩
[11] O. A.: Konzept für den Demonstrationsrundgang in Osnabrück anläßlich des 50. Jahrestages der Befreiung Osnabrücks 04.04.1995 unter dem Motto: 'Der Tod ist ein Meister in Deutschland. Nichts ist vergeben, keine/r ist vergessen, Osnabrück: o. D.↩



