Ein Wohnheim für die Pädagogische Hochschule

Vor der Gründung der Universität Osnabrück im Jahr 1974 hatte die Adolf-Reichwein-Hochschule  beziehungsweise später die Pädagogische Hochschule ihren Sitz im Schloss. Dieses bezog sie im Jahr 1953, nachdem sie von Celle nach Osnabrück umgesiedelt wurde. Für die Unterbringung der Studierenden war ursprünglich der Bau von Wohnungen in den beiden Obergeschossen der Seitenflügel des Schlosses geplant. Als festgestellt wurde, dass die Seitenflügel in ihrem ursprünglichen Baustil nur zwei – und nicht wie vor der Zerbombung im Zweiten Weltkrieg drei – Stockwerke besaß, musste dieser Plan jedoch aufgegeben werden. Anstelle der geplanten Wohnungen sollte nun ein Wohnheim in der Ritterstraße entstehen. Auch dieser Plan wurde aus Rücksicht auf die dortigen Anwohner:innen aufgeschoben, fürchteten sie doch, das Erscheinungsbild der Villengegend sowie die dort vorherrschende Ruhe könnten durch den Bau des Wohnheimes gefährdet werden. Nach langen Verhandlungen konnte das Wohnheim schließlich doch am geplanten Standort gebaut werden.1 

  1. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 193.

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Zeitungsartikel über den Erstbezug des Wohnheims durch Studierende der Pädagogischen Hochschule vom 08. Juli 1954
Quelle: NLA OS, Erw A 18, Nr. 413.

Das Richtfest fand im November 1953 statt. Der Kurator des Wohnheims, gleichzeitig erster Chronist der Wohnheim-Chronik und Professor der Pädagogischen Hochschule, schlug den letzten Firstnagel ein und erntete viel Applaus von den zahlreich erschienenen Dozierenden und Studierenden. Beim anschließenden Richtschmaus waren außerdem ein Vertreter:innen des Landes Niedersachsen als Bauherr, der Erbauer sowie die zukünftige Leiterin des Hauses anwesend.2 

  1. Vgl. NLA OS, Dep 149, Akz. 2023/112 Nr. 1.

Das Wohnheim bot den Studierenden 42 Einzelzimmer und 12 Doppelzimmer zu niedrigen Mietpreisen weit unter den regulären Osnabrücker Mieten sowie vier Teeküchen und ein Tagesraum. Ein ehemaliger Bewohner, der von 1975 bis zum Abriss des Wohnheims dort lebte, beschreibt das Wohnen in der Ritterstraße folgendermaßen: "Ein Einzelzimmer hatte neun, ein Doppelzimmer achtzehn Quadratmeter. Im Heim war es hellhörig, die Einrichtung wirkte altmodisch. Und natürlich gab es nur Gemeinschaftsduschen und Gemeinschaftstoiletten."3 Trotzdem habe er sich dank der Heimleiterin sowie der eingeschworenen Gemeinschaft unter den Bewohner:innen keine bessere Unterkunft für sein Studium wünschen können.4 

  1. NLA OS, Dep 103, Akz. 2020/3 Nr. 22.

  2. Vgl. ebd.

Vertrag zwischen dem Land Niedersachsen und dem Studentenhilfswerk vom 30. April 1958
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 332.

Protokoll zur Übernahme und Nutzungsvertrag über das Wohnheim, 1975
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 332.

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Bericht über Gräfin Finckenstein und ihre Arbeit als Leiterin des Wohnheims
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 2020/3 Nr. 22.

Die Verwaltung des Studierendenheims oblag zunächst dem Studentenhilfswerk der Pädagogischen Hochschule, wurde jedoch ab dem 16. Februar 1975 vom Studentenwerk der Universität Osnabrück übernommen.5 Die Leitung des Hauses übernahm Gräfin Luise von Finckenstein. Sie hatte diese Rolle vom Bau des Wohnheims bis zu ihrem Ruhestand 1977 inne und lebte bis zum Abriss in einer für sie dort eingebauten Wohnung. Unterstützt wurde sie durch einen aus Bewohner:innen bestehenden Beirat, welcher erstmals im Mai 1954 gewählt wurde, sowie einen jährlich wechselnden Kurator.6 Dieser erhielt bis Ende 1959 einen jährlichen Betrag vom Deutschen Studentenwerk e. V., den er für Veranstaltungen nutzen konnte, die insbesondere der politischen und musischen Weiterbildung der Bewohner:innen des Heims dienen sollten. Nachdem seit Anfang 1962 die Vertretungen in den Bundesländern die Mittelzuweisung übernahmen, fiel die Unterstützung weg. Für die Jahre 1962 und 1963 bewilligte stattdessen der Allgemeine Studierendenausschuss einen Betrag, sodass die Veranstaltungen weiterhin stattfinden konnten.7 Die Grundlagen der Hausordnung wurden in den ersten Tagen nach Bezug des Wohnheims von der Heimleiterin, dem Kurator und einigen Erstbewohner:innen gemeinsam erarbeitet.8 

  1. Vgl. Kerll, Otto: Universität und Studentenwerk Osnabrück. Partner beim Aufbau eines attraktiven Studienortes. In: Rainer Künzel (Hrsg.): Nicht auf Sand gebaut. Beiträge zur Gründung und Entwicklung der Universität Osnabrück, Osnabrück: Meinders und Elstermann 1990, S. 300–304, hier S. 302; NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 332.

  2. Vgl. NLA OS, Dep 149, Akz. 2023/112 Nr. 1.

  3. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 193.

  4. Vgl. NLA OS, Dep 149, Akz. 2023/112 Nr. 1.

Zeitungsartikel_Es soll Justus-Möser-Haus heißen.jpeg

Zeitungsartikel über die Bennung des Wohnheims vom 25. Juni 1955
Quelle: NLA OS, Erw A 18, Nr. 413.

Am 25. Juni 1955 veröffentlichte der Lehrkörper der Pädagogischen Hochschule seinen Beschluss, das Wohnheim fortan 'Justus-Möser-Haus' zu nennen. Zu diesem Anlass fand am Abend ein Vortrag zum Thema 'Justus Möser und der Philosoph von Sanssouci' statt.9 

  1. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 193.

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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel

[1] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 193.

[2] Vgl. NLA OS, Dep 149, Akz. 2023/112 Nr. 1.

[3] NLA OS, Dep 103, Akz. 2020/3 Nr. 22.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Kerll, Otto: Universität und Studentenwerk Osnabrück. Partner beim Aufbau eines attraktiven Studienortes. In: Rainer Künzel (Hrsg.): Nicht auf Sand gebaut. Beiträge zur Gründung und Entwicklung der Universität Osnabrück, Osnabrück: Meinders und Elstermann 1990, S. 300–304, hier S. 302; NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 332.

[6] Vgl. NLA OS, Dep 149, Akz. 2023/112 Nr. 1.

[7] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 193.

[8] Vgl. NLA OS, Dep 149, Akz. 2023/112 Nr. 1.

[9] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 193.