(Un)komplizierte Anfangszeit
Der "Diskussionsprozess ist [...] ausserordentlich zeitraubend"1 – mit diesen Worten beschrieb der Direktor Manfred Horstmann bei einer Einführungsveranstaltung an der Universität Osnabrück im Oktober 1974 die Planung und Gestaltung der Einphasigen Lehramtsausbildung. Grund für den langwierigen Prozess sei, dass vielfältige Interessen verschiedener Seiten die Entscheidungen beeinflusst hätten. Die Gemeinsame Kommission für Lehrerausbildung sei noch dabei, in Absprache mit allen Fachbereichen ein Konzept zu entwickeln und eine Prüfungsordnung zu erarbeiten.2 Der Modellversuch der Einphasigen Lehrerausbildung war mit Aufnahme des Lehrbetriebs an der Universität Osnabrück bereits im Sommersemester 1974 gestartet. Ohne vorliegende Studien- und Prüfungsordnung mussten sich die Studierenden bis zum 15. Januar 1974 entscheiden und für einen Studiengang bewerben.3
Die schwierigen Bedingungen für den Start des Modells waren unter anderem langen Diskussionen und starken Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Gründungsausschuss und der Pädagogischen Hochschule geschuldet. Zuvor gab es bereits die Idee einer Integrierten Gesamthochschule, welche drei Mitglieder des Gründungsausschusses verfassten und vorlegten. Der Versuch eine solche Gesamthochschule zu etablieren, wurde von den Hochschullehrkräften allerdings als Gefahr für die Neugründung angesehen, befürchteten sie doch, das Modell stelle die Universität in ein links-ideologisches Licht.4 Trotz der Rückschläge bemühte sich der Gründungsausschuss-Planungsbereich Lehrerausbildung mit der Pädagogischen Hochschule um eine umfassende Reform der Lehrkräfteausbildung und legte 1971/72 schließlich erste Entwürfe für den Modellversuch der Einphasigen Lehrerausbildung vor.5 Zwischen den Parteien der Gründungsausschuss-Mehrheit und der Pädagogischen Hochschule kam es immer wieder zu provokanten Argumentationen, sodass die vorgelegten Papiere auch als "Kampfschriften, gespickt mit Reizvokabeln für den Gegner"6 bezeichnet wurden. Nachdem sich die Verantwortlichen letztlich auf einen Kompromiss einigen konnten und die Landesregierung den Modellversuch auch bewilligte, traten weiterre Differenzen zutage: Bei Fragen zur Umsetzung der Einphasigen Lehrerausbildung ging es unter anderem darum, wie der Studiengang für die verschiedenen Schulstufen (Primarstufe, Sekundarstufe I und II) gestaltet werden könnte. Der Gründungsausschuss war anfangs davon ausgegangen, dass dies für alle Lehrämter mit einer Dauer von zehn Semestern einheitlich aufgebaut werde. In der weiteren Planung zeigte sich allerdings, dass dieses Konzept so nicht durchgeführt werden konnte. Im Frühjahr 1974 wurde schließlich ein Beschluss gefasst, der die Dauer der Einphasigen Lehrerausbildung für die Primarstufe und Sekundarstufe I auf neun und für die Sekundarstufe II auf elf Semestern festsetzte.7
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Vgl. Modellversuch Lehrerausbildung "Aktiv an der Diskussion beteiligen". Einführungsveranstaltung am 14.10.74 / Auszüge aus der Rede des Rektors Prof. Dr. Manfred Horstmann, in: Osnabrücker Universitätszeitung Nr. 1/1. Jahrgang/WS 1974/75, S. 12.↩
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Vgl. ebd.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 7.↩
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Vgl. Zimmer, Wendelin: Turbulente Zeiten. Ein Lesebuch zur Geschichte der Universität Osnabrück, Osnabrück: Univ.-Verl. Rasch 1999, S. 29–30.↩
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Vgl. ebd., S. 31–32.↩
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Vgl. ebd., S. 32.↩
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Vgl. Modellversuch Lehrerausbildung, S. 12.↩
Im Sommersemester 1974 startete die Einphasige Lehrerausbildung also nach langen Diskussionen und unter unklaren Bedingungen. Dabei standen weiterhin viele offene Fragen im Raum, denn ohne Studien- und Prüfungsordnungen waren keine klaren Rahmenbedingungen gegeben. Die Studierenden stellten sich Fragen über die Verbindlichkeit des Modellversuches, der gesetzlichen Absicherung des Studiengangs sowie einer möglichen BAföG-Förderung.8 Fest stand allerdings, was aus den Lehramtsstudiengängen der Pädagogischen Hochschule werden würde: Diese sollten auslaufen und die zu diesem Zeitpunkt immatrikulierten Student:innen sollten ihr Studium unter den bei Studienantritt geltenden Bedingungen beenden können. Möglich war ebenso ein Wechsel in die neuen Studiengänge, wenn auch ein Studiengangwechsel in höheren Fachsemestern weiterhin Unklarheiten bedeutete.9
Zur Studienstruktur war bereits im Jahr 1974 beschlossen worden, dass das Studium zweier Unterrichtsfächer ab dem vierten Semester bei allen Lehrämtern verpflichtend sei. Im ersten Semester gab es eine Orientierungsphase, welche gleichwertig im Bereich Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften sowie im fachwissenschaftlichen Studium war. Diese Phase galt jedoch nur für das Fach, welches zum Zeitpunkt der Immatrikulation gewählt wurde. Im Oktober 1974 war die weitere Strukturierung des Lehramtsstudiengangs nach dem vierten Semester noch ungeklärt. In der Universitätszeitung hieß es zu diesem Zeitpunkt, dass die Entscheidung für den gesamten Studiengang und für die Prüfungsordnung noch kurzfristig getroffen werden müsse.10 Am 05. Juni 1975 wurde vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst ein erster Entwurf für eine Prüfungsordnung der Einphasigen Lehrerausbildung veröffentlicht, in dem Dauer des Studiums, prüfungsrelevante Rahmenbedingungen sowie inhaltliche Themengebiete der Lehrämter konkret benannt wurden.11
Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten bezüglich der Ordnungen und dem Aufbau des Studiums in der Anfangszeit hatte die Einphasige Lehrerausbildung keine günstigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start. So ist es wenig überraschend, dass das Modell nur für wenige Jahre an der Universität Osnabrück Bestand hatte. Im Herbst 1976 verkündete der Niedersächsische Kultusminister Remmers die Einstellung der Einphasige Lehrerausbildung zum Wintersemester 1977/78. Das Modell solle durch entsprechende Studiengänge einer Zweiphasigen Lehrerausbildung ersetzt werden. Begründet wurde diese Entscheidung mit einem Mangel an Kontaktlehrern, welche für die berufspraktische Ausbildung entscheidend waren.12 Der Beschluss wurde öffentlich stark diskutiert. Kontaktlehrer kritisierten unter anderem, dass die Änderungen ohne sie getroffen worden seien. Sie vertraten die Meinung, dass es möglich gewesen wäre, eine Lösung zu finden und mit entsprechender Planung umzusetzen.13 Die Studiengänge im Rahmen der Einphasigen Lehrerausbildung wurden schließlich zum Wintersemester 1977/78 aufgehoben. Ab diesem Zeitpunkt konnten Studieninteressierte nur noch in der Zweiphasigen Lehrerausbildung zugelassen werden.14
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Inhaltlich verantwortlich: Larissa Cleff, Philine Rohling
[1] Vgl. Modellversuch Lehrerausbildung "Aktiv an der Diskussion beteiligen". Einführungsveranstaltung am 14.10.74 / Auszüge aus der Rede des Rektors Prof. Dr. Manfred Horstmann, in: Osnabrücker Universitätszeitung Nr. 1/1. Jahrgang/WS 1974/75, S. 12.↩
[2] Vgl. ebd.↩
[3] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 7.↩
[4] Vgl. Zimmer, Wendelin: Turbulente Zeiten. Ein Lesebuch zur Geschichte der Universität Osnabrück, Osnabrück: Univ.-Verl. Rasch 1999, S. 29–30.↩
[5] Vgl. ebd., S. 31–32.↩
[6] Vgl. ebd., S. 32.↩
[7] Vgl. Modellversuch Lehrerausbildung, S. 12.↩
[8] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 7.↩
[9] Vgl. ebd.↩
[10] Vgl. Modellversuch Lehrerausbildung, S. 12.↩
[11] Vgl. Universität Osnabrück: Amtliches Mitteilungsblatt, 2. 1975, S. 30–31.↩
[12] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2006/029 Nr 31.↩
[13] Vgl. ebd.↩
[14] Vgl. ebd.↩

