Mehr Universitäten braucht das Land

Für Tourist:innen, Zugezogene, aber auch für so manch alteingesessene Bürger:innen lässt das imposante Schloss Osnabrück als zentraler Sitz der Universität auf eine lange Geschichte schließen. Doch täuscht dieser Eindruck. In einem Blogbeitrag anlässlich des 50-jährigen Gründungsjubiläums wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine exakte Bestimmung des Gründungsdatum kaum möglich ist. Ist es im 25. August 1970 zu suchen, als die niedersächsische Landesregierung den Gründungserlass ratifizierte, das Verabschieden des Gesetzes über die universitäre Organisation vom 05. Dezember 1973 oder der Beginn des Lehrbetriebs zum Sommersemester 1974?

In ihrem Selbstverständnis verortet die Universität ihre Gründung in das Jahr 1974. Doch genauso verworren wie die Frage nach der Gründung war auch die Komplexität der politischen Prozesse, die der Universitätswerdung vorangingen und sie begleiten sollten.

Picht, Georg: Die deutsche Bildungskatastrophe, Walter-Verlag: Olten/ Freiburg i. Br., 1964.

Picht, Georg: Die deutsche Bildungskatastrophe (dtv 349), München: Dt. Taschenbuch-Verl. 1964.

Gesellschaft im Umbruch

Die Gründung der Universität Osnabrück muss vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft verstanden werden. Im Zuge des sogenannten 'Wirtschaftswunders' in den 1950er- und 1960er-Jahren sahen sich die westdeutschen Bundesländer zunehmend mit einem Mangel qualifizierter Arbeitskräfte konfrontiert. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung und die Vollbeschäftigung verstärkten auch die Nachfrage nach höherer Bildung, da Wissenschaft und Technik zentrale Bestandteile des gesellschaftlichen Fortschritts und der wirtschaftlichen Stabilität wurden. Parallel dazu wuchs die gesellschaftliche Forderung nach mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, die die Bildungspolitik vor neue Herausforderungen stellte.

Bereits 1960 hatte der Wissenschaftsrat – das zentrale wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern für Wissenschaft, Forschung und Hochschulen – in einem Gutachten den dringenden Bedarf an zusätzlichen Hochschulkapazitäten festgestellt. Ein flächendeckender Zugang zu Bildung sollte durch eine regionale Verteilung von Hochschule gewährleistet werden. Neugründungen sollten bereits bestehende Hochschulen entlasten.1 Besonders für den nordwestdeutschen Raum attestierte der Wissenschaftsrat ein Defizit. Zwar gab es in Niedersachsen einige Technische und Pädagogische Hochschule,  jedoch nur eine einzige Universität, nämlich in Göttingen. Angesichts einer wachsenden Bevölkerung und des steigenden Bedarfs an qualifizierten Fachkräften in der Wirtschaft, aber auch an Lehrkräften im Bildungssektor wurde deutlich, dass das bestehende Hochschulsystem den Anforderungen der Zeit nicht mehr gerecht wurde.

An diese Feststellungen schloss sich eine nationale Debatte an. Für besonderes Aufsehen sorgte der Pädagoge Georg Picht 1964 mit einer Reihe von Schriften über die deutsche 'Bildungskatastrophe'. Er bewertete das deutsche Bildungssystem als überholt und warnte eindringlich vor einer Krise, die nicht nur das Bildungssystem, sondern auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft des Landes gefährden könnte.2 

  1. Vgl. Wissenschaftsrat: Wissenschaftliche Hochschulen (Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen, Bd. 1), Tübingen: Mohr 1960, S. 53.

  2. Vgl. Picht, Georg: Die deutsche Bildungskatastrophe (dtv 349), München: Dt. Taschenbuch-Verl. 1964.

Die Universitätswerdung – ein episodenhafter Prozess

Eine Bewerberin für die Neugründung einer Universität war die Stadt Osnabrück. In den folgenden vier Abschnitte sollen anhand ausgewählter Quellen die wesentlichen Momente und Weichenstellungen untersucht werden, welche Osnabrück letztlich zur Universitätsstadt machten.

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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel

[1] Vgl. Wissenschaftsrat: Wissenschaftliche Hochschulen (Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen, Bd. 1), Tübingen: Mohr 1960, S. 53.

[2] Vgl. Picht, Georg: Die deutsche Bildungskatastrophe (dtv 349), München: Dt. Taschenbuch-Verl. 1964.