Die Universität soll nach Atter?
Die Universität soll nach Atter – das jedenfalls war die einhellige Meinung in der Berichterstattung in der Neuen Osnabrücker Zeitung Anfang der 1970er-Jahre. Schon 1964, als erste Ideen zur Universitätsgründung heranreiften, stellte die Zeitung fest, dass wohl im Bereich der damaligen Stadtbezirk kein entsprechendes Grundstück mehr zu finden sein würde und die Universität demnach auf die angrenzenden Gemeinden ausweichen müsste.1 Der Ort Atter wurde erst in der Zeit der Universitätsgründung in die Stadt Osnabrück eingemeindet.2
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Vgl. Kindervater, Hans W.: Universitätsstadt Osnabrück. Jetzt gilt es zu klären wo sich für eine Universität Baugelände findet, in: Neue Osnabrücker Zeitung, 11.04.1964.↩
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Vgl. Fachbereich Geodaten und Verkehrsanlagen: Amtlicher Stadtplan Osnabrück. 1972, in: Geodatenportal, URL: https://geo.osnabrueck.de/geodatenportal/?p=weitere_karten&q=1 (abgerufen am: 31.10.2024).↩

"Wettbewerb für Uni Standort?", Neue Osnabrücker Zeitung, 19.03.1971
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225.
Der Westerberg als Alternative?
Zwar wurde stets erwähnt, dass exakte Standort der Universität noch nicht feststünde, doch schienen Grundstücke in den Gemeinden Atter und Hellern Anfang der 1970er-Jahre auch für die Verantwortlichen am naheliegendsten. Die Neue Osnabrücker Zeitung verwies im März 1971 in einem Beitrag darauf, dass erst durch Gutachten ermittelt werden solle, ob andere Standorte überhaupt infrage kämen und auch die Stadtverwaltung zeigte sich überzeugt, dass einer dieser Standorte ausgewählt werden würde.3 Allerdings war bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass nicht sämtliche Einrichtungen der Universität nach Atter ausgegliedert werden könnten. Durch die damalige Konzeption der Universität als Gesamthochschule und Nachfolgerin der Pädagogischen Hochschule waren Teile des Universitätskomplexes in der Innenstadt geplant worden. Darüber hinaus wurde bei einer komplett von der Innenstadt abgetrennten Universität ein 'ungesundes Eigendasein' und eine Loslösung der Universität von der Stadt befürchtet.4 Solche Bedenken gegen eine abgeschiedene Campus-Universität ziehen sich schließlich weiter durch die Berichterstattung der Neuen Osnabrücker Zeitung.5 Im April 1971 wurde erstmals der Westerberg im großen Maße als möglicher Standort in den Diskurs eingebracht. Dabei scheinen der Berichterstattung nach zu diesem Zeitpunkt bedeutende Teile der CDU in Stadt und Landkreis noch gegen eine Verlagerung des Standortes zum Westerberg gewesen zu sein. Die oppositionellen Kräfte argumentierten vor allem mit höheren Kosten im Vergleich zum Standort Atter/Hellern, einer räumlichen Zerstückelung der Universität, welche mit dem Standort Westerberg vermutlich einhergehen würde und einer möglichen Gefährdung beziehungsweise Versiegelung der auf dem Westerberg vorhandenen Grünflächen. Darüber hinaus wurde suggeriert, dass der Standort Atter/Hellern gesellschaftlich konsensfähig sei und eine Standortänderung mit einem Vertrauensverlust bei großen Teilen der Bevölkerung einhergehen würde.6

"Bereits A gesagt", Neue Osnabrücker Zeitung, 20.05.1971
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225.
Keine Universität ins Naherholungsgebiet!
Die Neue Osnabrücker Zeitung bezog zu dieser Frage explizit Stellung. In einem Kommentar vom 20. Mai 1971 wird eine Ratssitzung anlässlich des Streits um den Universitätsstandort ausführlich behandelt: In dieser Sitzung seien erstmals konkrete Flächen auf dem Westerberg diskutiert worden. Diesen Überlegungen steht der Kommentator der Zeitung kritisch gegenüber und führt im Folgenden aus, warum eine Standortverschiebung zum Westerberg nachteilig sei. Die Argumentation deckt sich in großen Teilen mit den von der CDU vorgetragenen Bedenken. Zentral scheint auch hier vor allem die Sorge um die Naherholungsflächen auf dem Westerberg zu sein. Schachtebock geht davon aus, dass eine wachsende Universität zwangsläufig an die Grenzen der ihr zugeteilten Grundstücke stoßen würde, infolgedessen Grünflächen versiegelt werden müssten. Auch die Nachnutzung der damals noch betriebenen Kasernengelände wird von Schachtebock angezweifelt; stattdessen prophezeit er eine längerfristige militärische Nutzung der Gebäudekomplexe. Ähnlich wie von der CDU wird ebenfalls eine Zerstücklung der Universität als unerwünschte Folge bei der Fokussierung auf den Westerberg befürchtet. Gleichzeitig weist der Kommentator auf eine stärkere Integration des bald eingemeindeten Stadtteiles in das allgemeine Stadtleben hin. Die Universität wird somit als verbindendes Element zwischen Stadtzentrum und neu eingegliederten Gemeinden konstruiert.7
Neben Politik und Lokaljournalismus gingen kritische Stimmen in dieser Zeit vermehrt auch von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen aus, die sich gegen die Verlagerung des Standorts zum Westerberg aussprachen. In einem Gastbeitrag in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 02. Juni 1971 äußert sich der Bürgerverein Nordwest als Vereinigung von Anwohner:innen des Westerberges erstmals zu dieser Thematik. Der Bürgerverein nennt den Erhalt der Grünflächen als Erholungsgebiet für die Osnabrücker Bürger:innen ebenfalls als zentralen Punkt ihrer ablehnden Haltung.8
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Inhaltlich verantwortlich: Tim Kobilke
[1] Vgl. Kindervater, Hans W.: Universitätsstadt Osnabrück. Jetzt gilt es zu klären wo sich für eine Universität Baugelände findet, in: Neue Osnabrücker Zeitung, 11.04.1964.↩
[2] Vgl. Fachbereich Geodaten und Verkehrsanlagen: Amtlicher Stadtplan Osnabrück. 1972, in: Geodatenportal, URL: https://geo.osnabrueck.de/geodatenportal/?p=weitere_karten&q=1 (abgerufen am: 31.10.2024).↩
[3] NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225.↩
[4] Vgl. o. A.: Das erste Bauprojekt der Osnabrücker Universität kostet rund 15 Millionen DM, in: Neue Osnabrücker Zeitung, 02.09.1970.↩
[5] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225.↩
[6] Vgl. ebd.↩
[7] Vgl. ebd.↩
[8] Vgl. ebd.↩

