Vom Gutachten zum Campus – Die Aushandlungsprozesse um den Westerberg bis Anfang der 1980er-Jahre

"Hände weg vom Westerberg", Neue Osnabrücker Zeitung, 15.04.1972
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 7/1972, S. 40.

"Grün lockt Planer", Neue Osnabrücker Zeitung, 27.04.1972
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 7/1972, S. 52.
AVZ ja, Campus nein
Mitte Dezember 1971 bekräftigte der Gründungsausschuss noch einmal, dass der Westerberg nicht der Wunschstandort für die geplante Universität sei. Der Bürgerverein Nordwest schlug einen Standort in der Martinistraße in der Nähe des Schlosses vor.1 Anfang des Jahres 1972 dominierte in der Berichterstattung der Neuen Osnabrücker Zeitung vor allem die große Unsicherheit über den Zeitplan hinsichtlich der Universitätseröffnung. Sogar ein komplette Stopp der Universitätsgründung wurde als mögliches Ende diskutiert. Trotz der offenbar schwierigen Haushaltslage des Landes versuchten verschiedene städtische Akteur:innen den Studienstart zum Wintersemester 1972/73 zu ermöglichen. Mit der Einigung zum Bau des AVZ war eine wichtige Hürde auf dem Weg zur Universitätsgründung genommen, jedoch bedurften andere Planungsschwierigkeiten wie etwaige Änderungen bei der Konzeptionierung durch den Gründungsausschuss oder die finale Annahme des Bebauungsplanes durch den Rat weiterhin eine Lösung.2 Am 26. Februar 1972 veröffentliche die Neue Osnabrücker Zeitung einen umfangreichen Artikel, in dem sie für eine Nutzung des damals leerstehenden Marquardt-Centers warb.3 Der Vorschlag wurde vom Gründungsausschuss in einer späteren Veröffentlichung unter anderem wegen zu hoher Umbaukosten abgelehnt.4 Im März 1972 erklärte der Kultusminister vor dem Hintergrund fortwährender Planungsunsicherheiten, dass der Studienstart 1972 nicht mehr möglich sei.5
Die Gutachten
Einen Monat später erschienen schließlich die wissenschaftlichen Gutachten Wahl des Universitätsstandorts. Entgegen den vorherigen Erwartungen gaben die Gutachter:innen, nicht dem Standort Atter/Hellern, sondern dem Westerberg Vorrang. Ausschlaggebend waren dabei unter anderem die guten Verpflechtungsmöglichkeiten von Stadt und Universität, die durch eine stadtnahe Universität entstehen würden.6 In den folgenden Tagen veröffentlichte die Neue Osnabrücker Zeitung gleich mehrere Artikel zu den Gutachten. Laut einer Befragung durch die Zeitung zeigte sich die Bevölkerung über die Bauempfehlung am Westerberg gespalten. Der Bürgerverein Nordwest kritisierte die Pläne hingegen in seinem Gastbeitrag: Es sei unrealistisch, über 10.000 Studierende landschaftsschonend auf dem Westerberg unterzubringen. Darüber hinaus forderte der Verein eine stärkere Einbindung der Anwohner:innen sowie eine Berücksichtigung vorangegangener Gutachten, die den Standort Atter/Hellern favorisierten.7 Kommentare der Neuen Osnabrücker Zeitung stützten diese Argumentation in den Ausgaben der folgenden Tage.8 Ebenso druckte die Zeitung Leserbriefe ab, die dieser Meinung ausnahmslos zustimmten.9 Auch die Aktionsgemeinschaft 'Gesunde Umwelt' sprach sich mit Blick auf die langfristige Nutzbarkeit der Kasernen gegen die Westerberg-Pläne aus. Am gleichen Tag erschien eine Karikatur der Neuen Osnabrücker Zeitung, welche die Planer als einen wilden Stier darstellte, der es auf Grünflächen abgesehen habe.10
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 1/72 S. 3. ↩
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 1/72, 2/72.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 4/72 S. 20.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 7/72 S. 4.↩
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Vgl. ebd., S. 18.↩
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Vgl. ebd., S. 38.↩
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Vgl. ebd., S. 39.↩
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Vgl. ebd., S. 41.↩
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Vgl. ebd., S. 51.↩
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Vgl. ebd.↩

"Schloßbereich, Westerberg und Gartlage für Uni vorgesehen", Neue Osnabrücker Zeitung, 29.04.1972.
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, Pressespiegel 7/1972, Seite 58.
Die finale Empfehlung
Ende April 1972 veröffentlicht die Neue Osnabrücker Zeitung die finale Empfehlung des Beurteilungsgremiums. Entsprechend den Gutachten werden die drei Standorte Westerberg, Schloss und Gartlage für die Universität vorgesehen. Die Nutzung des Westerbergviertels wird unter anderem durch die Weiterbenutzung der bestehenden Gebäude der in die Universität zu integrierenden Hochschule (plus AVZ) begründet. Die Kasernen sollten nicht in die Planung mit einbezogen und die Grünflächen erhalten werden.11 Die Zeitung kritisierte die Entscheidung in einem Artikel vom 29. April 1972 und zog vor allem die Zusagen zum Erhalt der Grünflächen und der Weiternutzung bestehender Gebäude in Zweifel.12 Die Interessensverbände der Bürger:innen zeigten sich ebenso skeptsich.13 Mitte Juni 1972 wurde der Bau des AVZ freigegeben. Die darauf folgenden Stellungnahmen der Ratsparteien begrüßten diese Entwicklung.14 Die Berichterstattung in der Neuen Osnabrücker Zeitung verlor daraufhin an Schärfe.15
Der Westerberg wird Universitätscampus
Im Jahr 1977 stand der Westerberg erneut im Fokus universitärer Bauvorhaben. Dieses Mal sollten die Fachbereiche Biologie, Physik und Chemie neue Gebäude erhalten. Die Bürger:innen wurden früh in den Planungsprozess einbezogen. Abermals wurde zugesagt, keine Grünflächen für den Ausbau zu versiegeln und Rücksicht auf die Anwohner:innen zu nehmen.16 Probleme gab es scheinbar beim Ankauf der Kasernen. Groß angelegte Kampagnen, die das Ziel hatten, die Bauvorhaben zu stoppen, blieben anders als zu Beginn der 1970er-Jahre aus. Nachdem abermals Finanznöte der Landesregierung überwunden waren, begannen die Planungsarbeiten im September 1979, ein Jahr später erfolgte die Grundsteinverlegung.17 Mit der Fertigstellung dieser Gebäude war die Universität endgültig am Westerberg vertreten. Heute ist sie in ihrer Existenz dort relativ ungefährdet.
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Vgl. ebd., S. 52.↩
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Vgl. ebd., S. 59.↩
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Vgl. ebd., S. 68, 71.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 8/72.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 226, 14/72, S. 1.↩
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Vgl. Zimmer, Wendelin: "Hat dieses Gremium seine Aufgaben erfüllt?", in: Neue Osnabrücker Zeitung, 23.02.1974.↩
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Vgl. o. A.: "Uni-Bauplanung für Dodeshaus läuft jetzt", in: Neue Osnabrücker Zeitung, 20.02.1976.↩
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Inhaltlich verantwortlich: Tim Kobilke
[1] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 1/72 S. 3.↩
[2] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 1/72, 2/72.↩
[3] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 4/72 S. 20.↩
[4] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 7/72 S. 4.↩
[5] Vgl. ebd., S. 18.↩
[6] Vgl. ebd., S. 38.↩
[7] Vgl. ebd., S. 39.↩
[8] Vgl. ebd., S. 41.↩
[9] Vgl. ebd., S. 51.↩
[10] Vgl. ebd.↩
[11] Vgl. ebd. S. 52.↩
[12] Vgl. ebd., S. 59.↩
[13] Vgl. ebd., S. 68, 71.↩
[14] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 225, 8/72.↩
[15] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 41/1992 Nr. 226, 14/72, S. 1.↩
[16] Vgl. Zimmer, Wendelin: "Hat dieses Gremium seine Aufgaben erfüllt?", in: Neue Osnabrücker Zeitung, 23.02.1974.↩
[17] Vgl. o. A.: "Uni-Bauplanung für Dodeshaus läuft jetzt", in: Neue Osnabrücker Zeitung, 20.02.1976.↩


