Projektstudium

Titelseite der Dokumentation zum Planungsprozess
Quelle: Blumberg, Ernst Johnny (Hrsg.): IGH Osnabrück. Dokumentation zum Planungsprozeß, Osnabrück: 1972.
In den 1960er- und 1970er-Jahren kam es in der Bundesrepublik zu einer Vielzahl von Universitätsneugründungen. Die Gründung sogenannter 'Reformuniversitäten' hatte zum Ziel, "jenseits der überkommenen Strukturen und Leitkonzepte neue und andersartige Modelle einer Organisation des Hochschulwesens zu erproben"1. Auch die Universität Osnabrück wurde vom Gründungsausschuss ursprünglich als Reformuniversität und als Integrierte Gesamthochschule geplant. Innovation stand im Vordergrund der Bemühungen.
Allerdings wird bereits auf dem Titelblatt zur Dokumentation des Planungsprozesses der Gesamthochschule Osnabrück in Form einer Karikatur angedeutet, dass es hinter dieser Fassade bröckelte. Abgebildet ist eine prächtige Fassade, über deren Eingang von Säulen getragen das Wort 'Reformuniversität' zu lesen ist. Hinter dieser Fassade ist allerdings erkennbar, dass sie nur von provisorischen Stützen gehalten wird. Durch die Eingangstür gelangt man nicht in eine moderne Universität, wie es der erste Eindruck vermuten lässt, sondern in einen instabilen kleinen Schuppen. Der erste Schein trügt. Aus diesem Grund stellt sich schnell die Frage, wie viel von der geplanten Reformuniversität wirklich umgesetzt wurde und ob dem Gründungsausschuss zu dem Zeitpunkt bereits klar war, dass es sich bei ihren Plänen um eine Illusion handelte.
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Rudloff, Wilfried: Hochschulreform durch Reformhochschulen? Die bundesdeutschen Hochschulgründungen der 1960er und 1970er-Jahre zwischen Diversifizierung und Homogenisierung, in: Zeitgeschichte, 47. 2020, Sonderheft, S. 147–170, hier S. 147.↩
Zeitgleich wurde über ein "gestörte[s] Theorie-Praxis-Verhältnis"2 in der sozialwissenschaftlichen Forschung diskutiert. Ihr wurde vorgeworfen, sich nicht an realen gesellschaftlichen Problemen zu orientieren. Außerdem fänden in der Praxis wissenschaftliche Erkenntnisse zu wenig Beachtung. So erlitten Studierende bei ihrem Berufseinstieg häufig einen Praxisschock. Eine Ursache dafür liege in der mangelnden Reflexion über den sozialen Handlungszusammenhang in der universitären Ausbildung, wodurch die Wissenschaft ihre praktische Funktion nicht erfülle.3 Die rein fachwissenschaftliche Ausbildung der Lehrkräfte bereite sie nicht auf im schulischen Kontext aufkommende politische und gesellschaftliche Fragen vor, sodass mit dem Streben nach Neutralität ein Gefühl subjektiver Machtlosigkeit entstehen würde. Eine Hochschullehrkraft habe zudem deutlich mehr Freiheiten als eine Lehrkraft genossen, die an staatliche Vorschriften und Beschlüsse des Kollegiums gebunden ist. So kam es zu einem "Zusammenstoß des unrealistischen erhofften Selbstbildes des jungen Lehrers mit der anders gearteten Rollenwirklichkeit"4.
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Tippelt, Rudolf: Projektstudium. Exemplarisches und handlungsorientiertes Lernen an der Hochschule (Kösel-Diskussion), München: Kösel-Verlag 1979, S. 11.↩
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Vgl. ebd.↩
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Noltenius, Rainer: Projektstudium – Projektunterricht. Germanistik und Deutschunterricht als Handlungsforschung (Hochschuldidaktische Materialien, Bd. 55), Hamburg: Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik 1977, S. 6.↩
Weiterhin nahmen die Erziehungswissenschaften im Studium eine nur untergeordnete Rolle ein, sodass sie von Studierenden häufig nicht als Grundlage für den Lehrer:innenberuf, sondern lediglich als Hilfswissenschaft angesehen wurde. Sie wurde folglich nur in Bezug auf die Stoffvermittlung berücksichtigt und fand darüber hinaus im pädagogischen Kontext keine Anwendung. Die Hauptursache für diese Problematiken wurde in der zweiphasigen Lehrerausbildung gesehen, die Theorie und Praxis nicht angemessen verbunden hätte.5 Dieser Problematik sollte in der Hochschuldidaktik mit dem Konzept des Projektstudiums begegnet werden, bei dem exemplarisches Lernen und Handlungsorientierung im Vordergrund stehen.6 Das Projektstudium sollte dazu beitragen, Studierende besser auf die berufliche Praxis vorzubereiten, ohne den wissenschaftlichen Anspruch der Ausbildung zu reduzieren.7
Ein Projekt im Rahmen des Projektstudiums wurde wie folgt beschrieben:
- "Die Fragestellung eines Projektes muss bezogen sein auf die zukünftige Berufspraxis der Studenten, hier also als Lehrer.
- Das Projekt muss von einer relevanten gesellschaftlichen Problemstellung ausgehen und von ihr seine Legitimierung beziehen.
- Das Projekt muss fächer-übergreifend (focushaft integrierend) und methoden-pluralistisch sein."8
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Korte-Zapke, Brigitte/ Marggraf, Rainer: Dokumentation: Projektstudium zum SS 72, Osnabrück: 1972, S. 114.↩
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Inhaltlich verantwortlich: Julia Koopmann
[1] Rudloff, Wilfried: Hochschulreform durch Reformhochschulen? Die bundesdeutschen Hochschulgründungen der 1960er und 1970er-Jahre zwischen Diversifizierung und Homogenisierung, in: Zeitgeschichte, 47. 2020, Sonderheft, S. 147–170, hier S. 147.↩
[2] Tippelt, Rudolf: Projektstudium. Exemplarisches und handlungsorientiertes Lernen an der Hochschule (Kösel-Diskussion), München: Kösel-Verlag 1979, S. 11.↩
[3] Vgl. ebd.↩
[4] Noltenius, Rainer: Projektstudium – Projektunterricht. Germanistik und Deutschunterricht als Handlungsforschung (Hochschuldidaktische Materialien, Bd. 55), Hamburg: Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik 1977, S. 6.↩
[5] Vgl. ebd., S. 6–7.↩
[6] Vgl. Tippelt, Projektstudium 1979, S. 15.↩
[7] Vgl. ebd., S. 9.↩
[8] Korte-Zapke, Brigitte/ Marggraf, Rainer: Dokumentation: Projektstudium zum SS 72, Osnabrück: 1972, S. 114.↩

