Vom Wohnheim zur Mensa

Erläuterungsbericht zum Bauvorhaben der Mensa am Standort des Justus-Möser-Hauses
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 2016/69 Nr. 448.

Das Ende des Justus-Möser-Hauses als Wohnheim für Studierende offenbart die stadtplanerische Schwierigkeiten, denen sich die Pädagogische Hochschule und später die Universität Osnabrück konfrontiert sahen: Die Essensversorgung der Studierenden und Dozierenden erfolgte nach der Gründung der Universität 1974 in der Zentralmensa auf dem Westerberg sowie in zwei kleineren Mensen in Haste und im Osnabrücker Schloss. Diese drei Standorte reichten aufgrund der schnell steigenden Studierendenzahlen schon bald nicht mehr aus, die Räumlichkeiten wurden immer voller, bis einige Studierende gezwungen waren, ihr Essen im Stehen zu verzehren. Schließlich wurde der Bau einer neuen Mensa beschlossen; über den Standort wurde man sich jedoch lange Zeit nicht einig.1 

Aus dem Entwurf eines Berichts zur Ausbauplanung (vermutlich von Anfang 1978) wird ersichtlich, dass zunächst Überlegungen angestellt wurden, die Innenstadtmensa im Bereich der Alten Münze unterzubringen, wo auch die Universitätsbibliothek geplant wurde. Aufgrund fehlenden Platzes wurde diese Idee jedoch wieder verworfen und stattdessen nach alternativen Standorten in der südlichen Innenstadt Ausschau gehalten. Hierfür wurden zwei Standorte diskutiert, wobei schließlich der Bau der Mensa zwischen Justus-Möser-Haus und Villa Zangenberg beschlossen wurde.2 Zur Umsetzung dieser Pläne wurden zwei Szenarien entworfen: Dem ersten Vorschlag zufolge sollten die beiden Villen erhalten und das Wohnheim abgerissen werden, während der zweite Vorschlag vorsah, die Villen abzureißen und stattdessen das Wohnheim zu erhalten. Für beide Ideen wurden Bebauungspläne angefertigt und Vor- und Nachteile diskutiert. Durch den Erhalt des Wohnheims hätte der Neubau etwas abseits gestanden, wodurch die Anlieferung der Mensa direkt neben dem Justus-Möser-Haus erfolgt wäre, das sowohl die Wohnqualität des Heims als auch die vom Anlieferungsverkehr betroffenen Anwohner:innen von Schlossstraße und Ritterstraße belastet hätte.3 Schließlich wurde aufgrund dieses Umstandes entschieden, das Wohnheim abzureißen und dessen Platz für den Bau der Mensa zu nutzen.

  1. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2010/032 Nr. 8.

  2. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2009/050 Nr. 90.

  3. Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 2016/69 Nr. 448.

Briefe ehemaliger Bewohner:innen mit Kritik am Abriss des Justus-Möser-Hauses
Quelle: NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/099 Nr. 46.

Die Entscheidung das Wohnheim zugunsten der neugebauten Mensa abzureißen, wurde von Studierenden und Ehemaligen Bewohner:innen mit großem Unmut aufgenommen. Im März und April 1980 erreichten mehrere Briefe von ehemaligen Bewohner:innen des Justus-Möser-Hauses die Universität, in denen sie ihre Sorge und ihr Unverständnis wegen des Abrisses zum Ausdruck brachten. Insbesondere die familiäre Atmosphäre, in der die Studierenden sich frei entfalten und gemeinsam über im Studium reflektieren könnten, wird als erhaltenswert beschrieben. Die Beschwerdeführenden machten sich für eine alternative Standortentscheidung für den Bau der Mensa stark und baten auch in der Frage nach dem Errichtung des deutlich größeren und damit weniger familiären Wohnheims an der Jahnstraße, das heute als 'Alte Fabrik' bekannt ist, um eine Neuplanung. Diese Briefe zeichnen ein deutliches Bild von der Bedeutung, die das Wohnheim für die Osnabrücker Studierendenschaft hatte.4 

  1. Vgl. NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/099 Nr. 46.

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Fotorafie von Protestaktionen am Justus-Möser-Haus
Quelle: NLA OS, Erw A 62, Akz. 2017/67 Nr. 504.

Erkennbar ist diese Bedeutung darüber hinaus an den massiven Protesten der Bewohner:innen des Justus-Möser-Hauses. Durch Flugblätter, Transparente und Presseerklärungen sowie das Sammeln von Unterschriften und die Eröffnung eines Spendenkontos verdeutlichten sie ihre Ablehnung der Pläne. Des Weiteren wandte sich der Heimrat des Justus-Möser-Hauses in einem Schreiben an den Rektor der Fachhochschule mit der Bitte um Unterstützung gegen den Abriss. Der Heimrat hebt insbesondere die soziale Bedeutung sowohl für die Bewohner:innen untereinander als auch für die Universität und die gesamte Stadt hervor.5 Aufgrund dieser Proteste wurde für den 10. März 1980 eine Diskussionsveranstaltung über den Neubau der Mensa geplant, die allen beteiligten Parteien sowie der Öffentlichkeit die Gelegenheit bot, sich über die Planung zu informieren und an der Diskussion darüber teilzunehmen.6 

  1. Vgl. ebd.

  2. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 16.

Der Heimrat nahm den Diskurs um die Errichtung eines neuen Studierendenwohnheims in der Jahnstraße auf: In einem Schreiben an das Studentenwerk Osnabrück listete er diverse Kritikpunkte auf, die neben der im Vergleich zum Justus-Möser-Haus höheren Mietpreise vor allem auf die als unschöner, unpraktischer und weniger persönlich empfundene Gestaltung verweisen.7 Das Studierendenwerk antwortete seinerseits mit einem Schreiben auf die vorgebrachte Kritik und bekräftigte die Entscheidung für den Bau der Alten Fabrik.8 

  1. Vgl. ebd.

  2. Vgl. ebd.

Schreiben des Heimrates des Justus-Möser-Hauses an den Rektor der Fachhochschule mit der Bitte um Unterstützung hinsichtlich der Standortentscheidung, 27.02.1980
Quelle: NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/099 Nr. 46.

Schreiben des Heimrates an das Studierendenwerk mit Kritik am neuen Wohnheim und Antwort desselben
Quelle: NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/099 Nr. 46.

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Berichterstattung über die Besetzung des Justus-Möser-Hauses
Quelle: NLA OS, Dep 103, Akz. 2020/3 Nr. 22.

Der Konflikt um das Justus-Möser-Wohnheim gipfelte in einer Besetzung des Heims in der Nacht vor dessen Abriss. Kurz vor einer unvermeidlich erscheinenden polizeilichen Räumungsaktion im Morgengrauen beschloss der damalige Präsident der Universität, Prof. Manfred Horstmann, zu den Besetzer:innen ins Wohnheim zu gehen, mit ihnen zu sprechen und ihnen erneut die Bedeutung des Mensaneubaus zu erläutern. Nach zwei Stunden konnte die Besetzung gewaltfrei beendet und das Wohnheim abgerissen werden.9 Die zunächst gestellte Strafanzeige gegen die Besetzer:innen zog Horrstmann kurz darauf wieder zurück, wie er in einer Pressemitteilung vom 26. Februar 1981 erklärte.10 

  1. Vgl. Kerll, Otto: Universität und Studentenwerk Osnabrück. Partner beim Aufbau eines attraktiven Studienortes, in: Rainer Künzel (Hrsg.): Nicht auf Sand gebaut. Beiträge zur Gründung und Entwicklung der Universität Osnabrück, Osnabrück: Meinders und Elstermann 1990, S. 300–304, hier S. 302.

  2. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 16.

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Inhaltlich verantwortlich: Sanja Leptien

[1] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2010/032 Nr. 8.

[2] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2009/050 Nr. 90.

[3] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 2016/69 Nr. 448.

[4] Vgl. NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/099 Nr. 46.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 16.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Kerll, Otto: Universität und Studentenwerk Osnabrück. Partner beim Aufbau eines attraktiven Studienortes, in: Rainer Künzel (Hrsg.): Nicht auf Sand gebaut. Beiträge zur Gründung und Entwicklung der Universität Osnabrück, Osnabrück: Meinders und Elstermann 1990, S. 300–304, hier S. 302.

[10] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2012/040 Nr. 16.