Mit Beharrlichkeit das Ziel im Blick
Osnabrück war entscheidende Schritte hin zur Universitätsgründung gegangen, doch auch zum Ende des Jahres 1967 war die Frage nach dem Standort der zweiten Landesuniversität in Niedersachsen immer noch nicht geklärt. Oldenburg, Hannover, aber auch die Region Friesland waren genauso Aspirantinnen auf den Titel wie die Hasestadt.
Dann eben eine Nummer kleiner
Sollte sich durch das Gutachten der Leussink-Kommission nicht ergeben, dass Osnabrück Universitätsstadt werden sollte – und danach sah es aus, da die Kommission nur den Bedarf einer 'Nord-West-Universität' bestätigen würde – musste die Stadt andere Wege suchen, ihr Ziel zu erreichen.

Artikel über die Osnabrücker Hochschulkommission und Teiluniversität in der Neuen Osnabrücker Zeitung, 01. Juli 1968
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 168.
Anlässlich einer Pressebesprechung am 07. Mai 1968 erläuterte Oberstadtdirektor Fischer, dass die Stadt den Plan verfolge, eine Teiluniversität zu errichten: "Es habe keine keinen Zweck, der Landesregierung lediglich die Wünsche nach einer Teiluniversität vorzutragen, vielmehr müssten diese Wünsche seitens der Stadt auch präzisiert werden."1 Mittlerweile war die 'Hochschulkommission der Stadt Osnabrück' zu einer ersten konstituierenden Sitzung zusammengetreten. Sie bestand aus Vertreter:innen der Stadt und des Landkreises Osnabrück sowie der Pädagogischen Hochschule Osnabrück. Ihre Aufgabe bestand darin, das Konzept einer Teiluniversität auszuarbeiten.2
Dazu sollte außenstehende Expertise eingeholt werden. Der Hochschulkommission gelang es, den ehemaligen nordrhein-westfälischen Kultusminister Prof. Dr. Paul Mikat, den Vorsitzenden des Gründungsausschuss der Universität Bielefeld, Prof. Dr. Ernst-Joachim Mestmäcker und den Erlanger Historiker Prof. Dr. Walther Peter Fuchs zu engagieren. Ein weiteres Gutachten sollte also den entscheidenden Erfolg bringen.3
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NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 320. Das Prinzip einer Teiluniversität war typisch für Hochschulgründungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Im Gegensatz zu einer Volluniversität besteht eine Teiluniversität nicht aus allen grundlegenden Fachbereichen/Fakultäten wie beispielsweise Geistes- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin, Jura etc.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil I, Blatt 71.↩
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Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 113.↩
Das 'Osnabrücker Modell'
Der Hochschulkommission hatte ein ganz eigenes Lehr-Lern-Konzept vor Augen: das 'Osnabrücker Modell'. Die Pädagogische Hochschule sollte als Keimzelle für eine philosophisch-erziehungswissenschaftliche Fakultät dienen, die einem nächsten Schritt um eine wirtschafts- und sozialwissenschaftliche sowie eine rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät erweitert werden sollte.4 "Bewusst – mit Rücksicht auf die Wünsche Oldenburgs – habe man eine naturwissenschaftliche Fakultät ausgeklammert."5
Während des Pädagogischen Hochschultags in Bremen am 22. Oktober 1968 hielt Prof. Dr. Mikat das Festreferat. Sein Auftritt geriet zum geschickten Osnabrücker Propaganda-Coup: Im Vorfeld hatte man Mikat aufgetragen, Osnabrück möglichst häufig und intensiv als gutes Beispiel einer möglichen Teiluniversität zu nennen, meinten die Verantwortlichen doch, "daß damit in der Öffentlichkeit auf einer vielbeachteten Veranstaltung ein Faktum geschaffen wird, das die Niedersächsische Landesregierung nicht übersehen kann."6 Stadtkämmerer Dr. Wimmer sorgte dafür, dass die überregionale Presse vor Ort war.7
Beim Hochschultag ging es vor allem um die wachsende Knappheit an Ausbildungskapazitäten für Lehrer:innen; der steigende Bedarf konnte nicht mehr adäquat gedeckt werden. Es wurden daher drei Optionen empfohlen: erstens die Integrierung des Studiums an Universitäten; zweitens der Ausbau pädagogischer Hochschulen zu Teiluniversitäten oder pädagogischen Universitäten und drittens die Zusammenfassung kleinerer Hochschulen zu Pädagogischen Hochschulen.8 Mikat griff die Empfehlungen auf und referierte darüber, dass sich aus bereits vorhandenen 'Keimzellen' rasch Universitäten entwickeln könnten. Konkret nannte er die seit 1953 in Osnabrück bestehende Pädagogische Hochschule, denn dort könne "durch schrittweises Anreichern der vorhandenen Disziplinen ein Abspalten neuer Fakultäten und der Ausbau zu einer Teiluniversität mit vergleichsweise geringen Mitteln vorbereitet werden."9
Mikats Vortrag verfehlte seine Wirkung nicht. Auch der niedersächsische Kultusminister Langeheine begrüßte diesen weniger aufwendigen Weg und zeigte sich gesprächsbereit.10
Kurzfassung des am 01. Mai 1969 vorgelegten Gutachtens zum 'Osnabrücker Modell'
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil I, Blatt 418–421.
Das Gutachten ist da – welches nochmal?
Im Februar 1969 war es endlich soweit – die Leussink-Kommission übergab nach knapp sechsjähriger Arbeit ihr 'Gutachten zur Frage der Errichtung von Hochschuleinrichtungen im Nordwestraum des Landes Niedersachsen'. Die wesentliche Erkenntnis war, dass ein Bedarf nach weiteren Hochschulkapazitäten bestehe. Ähnlich formulierte es bereits der Wissenschaftsrat neun Jahre zuvor. Immerhin wurde die Kommission ein wenig konkreter: Osnabrück, Oldenburg und das Ostfriesland seien in der engeren Auswahl möglicher Standorte.11
Am 08. April 1969 war es dann auch in Osnabrück soweit. Stadtkämmerer Wimmer konnte verkünden, dass das 'Gutachten über die Weiterentwicklung der Pädagogischen Hochschule zu einer Teiluniversität' der Hochschulkommission fertig sei und in Kürze veröffentlicht werde.12 Die Idee von der Pädagogischen Hochschule Osnabrück als Keimzelle einer Teiluniversität konkretisierte sich. Vorerst wurden jedoch am 01. April alle acht Pädagogischen Hochschulen in Niedersachsen zur Pädagogischen Hochschule Niedersachsen vereinigt. Eine einheitliche Führung in Hannover sollte eine gleichmäßige Auslastung in der regionalen Tiefe Niedersachsens sicherstellen – ein Vorgang, der unabhängig von der Universitätsfrage ablief. Immerhin war nun ein erster Schritt auf dem Weg zur Neugestaltung der niedersächsischen Hochschullandschaft gemacht, für den das neue Osnabrücker Gutachten einen gewichtigen Schub nach vorne liefern sollte.
Dieses wurde gerade rechtzeitig fertig für den anstehenden Besuch des Niedersächsischen Kultusausschusses, der am 08. Mai 1969 in Osnabrück tagte. Im Nachklang des Besuches in Osnabrück erklärte der Vorsitzende des Ausschusses, Gerlach, gegenüber Stadtkämmerer Wimmer, dass "aus den vorhandenen Hochschuleinrichtungen in der Stadt etwas zu machen [sei]."13 Auch sah Kultusminister Langeheine das kürzlich veröffentlichte Gutachten der Osnabrücker Hochschulkommission "uneingeschränkt positiv"14.
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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel
[1] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 320. Das Prinzip einer Teiluniversität war typisch für Hochschulgründungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Im Gegensatz zu einer Volluniversität besteht eine Teiluniversität nicht aus allen grundlegenden Fachbereichen/Fakultäten wie beispielsweise Geistes- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin, Jura etc.↩
[2] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil I, Blatt 71.↩
[3] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 113.↩
[4] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 120.↩
[5] Ebd.↩
[6] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil II, Blatt 188.↩
[7] Vgl. ebd.↩
[8] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 339.↩
[9] Ebd.↩
[10] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 341.↩
[11] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil I, Blatt 352.↩
[12] Vgl. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil I, Blatt 330.↩
[13] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 17, Teil I, Blatt 390.↩
[14] Ebd.↩

