Projektstudium als "Trojanisches Pferd"?

Das Projektstudium musste sich an hohen Ansprüchen messen lassen; Kritik am Modellversuch wurde häufig und schnell artikuliert. Werner Münch äußerte sich als ehemaliges Mitglied des Gründungsausschusses in einem Artikel in Die Welt vom 15. August 1972 kritisch zum Projektstudium und zur Berufungspolitik an der Universität Osnabrück.1 Das Projektstudium gelte an den deutschen Hochschulen zwar als etabliert, allerdings werde es "von entschlossenen Systemveränderern ganz bewußt und planmäßig als Instrument zur Rekrutierung von linksradikalen Universitätskadern eingesetz"2.

Die Ausführungen von Roske, damaliger Vorsitzende des Gründungsausschusses, bezeichnet Münch als "gut vulgärmarxistisch"3. Unter Roskes Vorsitz definierte der Ausschuss Kriterien für die Berufung von Hochschullehrkräften fest. Genannt werden beispielsweise die "Beziehung von Forschung und Lehre auf die Formen ihrer Verwertung: Berufspraxisfeldbezogenheit" und "[p]raktische Erfahrung mit und kritische Durchdringung von hochschuldidaktischen Modellen"4. Münch empfindet diese Forderungen nach einer neuen Art der Hochschullehrkraft als problematisch an und kritisiert, dass bei der Berufung dieser ihre fachlichen Qualifikationen in den Hintergrund rücken würden.5

  1. Vgl. NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/045 Nr. 1.

  2. Ebd.

  3. Ebd.

  4. Ebd.

  5. Vgl. ebd.

Der Artikel betont, dass es aufgrund dieses 'neuen' Typs Hochschullehrkraft kein Zufall sei, dass "von den Kandidaten, die auf den sechs Berufungslisten jeweils den ersten Platz einnehmen, keiner bisher Professor an einer deutschen Universität war und keiner habilitiert ist, daß sie viel mehr alle aus dem Bereich der Assistenten kommen und sich schon durch systemverändernde Aktivitäten ausgezeichnet haben"6. Das hier erbrachte Zitat des Welt-Artikels entspricht jedoch nicht dem Wortlaut des Manuskriptes, das Werner Münch bei der Zeitung eingereicht hatte. In diesem war, wie es selbst richtigstellte, nicht von 'systemverändernden Aktivitäten' die Rede. Stattdessen führt Münch an, dass es sich bei den Assistenten um die Gruppe handele, an die Roske vornehmlich gedacht hatte.7 

Ähnliche redaktionelle Veränderungen lassen sich auch an anderen Stellen erkennen. Im Verlauf des Artikels wurden die Aussagen Münchs überspitzt wiedergegeben und zum Teil sogar inhaltlich verändert. Eine Gegenüberstellung der Aussagen und Formulierungen im Manuskript und im redaktionell überarbeiteten Artikel lassen sich aus einem Schreiben entnehmen, in dem Münch die Redaktion zu einer Richtigstellung seiner Aussagen auffordert.8 Diese Art des Journalismus kann als Indiz für eine angespannte Diskussion der Thematik gedeutet werden und zeigt die Absicht der Zeitung, diese Diskussion und die Kritik am Projektstudium zusätzlich zu befeuern. Werner Münch äußerte sich dazu seinem Schreiben an den Gründungsausschuss wie folgt:

"Natürlich war mein Bericht über das ‚Projektstudium als Vehikel politisch motivierter Berufungspraxis' (so lautete die von mir formulierte Überschrift) eine sehr kritische Analyse, die aber insgesamt und an einigen ganz entscheidenden Stellen längst nicht politisch so überzogen war wie der in der ‚Welt' erschienene Artikel."9 Es ärgere ihn besonders, dass die Veränderungen dem Artikel "einen zu starken politischen 'drive' nach 'rechts' gegeben haben"10, was nicht seiner eigentlichen Intention entspreche.

  1. Ebd.

  2. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 8.

  3. Vgl. ebd.

  4. Ebd.

  5. Ebd.

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Inhaltlich verantwortlich: Julia Koopmann

[1] Vgl. NLA OS, Dep 123, Akz. 2012/045 Nr. 1.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] Ebd.

[7] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2018/67 Nr. 8.

[8] Vgl. ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.