Sie wollen eine Universität?

Neue Tagespost, Nr. 79, 04. April 1964

Leitartikel in der Neuen Tagespost, 04. April 1964
Quelle: NLA OS, Dep. 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil 1, Blatt 72. 

"Osnabrück möchte jetzt Universitätsstadt werden"1, titelte die Neue Tagespost am 04. April 1964 und erfasste damit die Ambitionen der Stadt, sich als neuer Bildungsstandort in Niedersachsen zu etablieren. Der Anlass war der Besuch des niedersächsischen Kultusministers Dr. Hans Mühlenfeld (FDP), der im Rahmen von Gesprächen über das Schulwesen nach Osnabrück gekommen war. Im historischen Friedenssaal des Rathauses nutzte Oberbürgermeister Willi Kelch (SPD) die Gelegenheit, um dem Minister den Wunsch der Stadt zu übermitteln: Osnabrück wolle eine Universität.

Mühlenfeld zeigte sich überrascht, er hatte von diesem Anliegen noch nie gehört und fragte, warum Osnabrück seinen Wunsch nicht bereits früher geäußert habe.2 

Tatsächlich schienen die Versäumnisse eher im niedersächsischen Kultusministerium zu liegen. Denn bereits im Frühsommer 1960 nahm der in Universitätsangelegenheiten umtriebige Osnabrücker Oberstadtdirektor Joachim Fischer (SPD) Kontakt auf zum Staatssekretär im Kultusministerium, Dr. Konrad Müller. Bei dieser Unterredung über Osnabrück als Universitätsstandort habe Dr. Müller Oberstadtdirektor Fischer zwar erklärt, dass die niedersächsiche Landesregierung vorerst zwar nicht plane, eine zweite Landesuniversität zur errichten, sollte es jedoch in Zukunft dazu kommen, so käme Osnabrück laut Müller eher infrage als die Konkurrenzstadt Oldenburg.3 

Ob der von 1959 bis 1966 als Staatssekretär amtierende Müller vergaß, seinen neuen Vorgesetzten Mühlenfeld, der 1963 sein Amt antrat, darüber zu informieren oder ob er die Stadt Osnabrück aufgrund ihrer mittleren Größe aus dem Kreis möglicher Universitätsstandorte ausschloss, wie er während des Vortrages 'Die Standortbestimmung bei der Neugründung von Universitäten' im Rahmen einer Tagung an der Evangelischen Akademie Loccum am 20. November 1961 vortrug4, bleibt ungeklärt. Dieses Ereignis steht symptomatisch für die mitunter konfusen Entscheidungsprozesse und die Herausforderungen, die Osnabrück auf dem Weg zur Universitätsstadt zu überwinden hatte.

  1. NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 72

  2. Vgl. ebd.

  3. Vgl. ebd., Blatt 2.

  4. Vgl. ebd., Blatt 13–59. Oberstadtdirektor Fischer blieb dies nicht verborgen. Er zog den Schluss, dass nach den Ausführungen Müllers weder Osnabrück noch Oldenburg als Universitätsstandorte infrage kämen. Er hoffte daher auf ein baldiges Gespräch mit dem Staatssekretär (vgl. ebd., Blatt 60). Ob es zeitnah zustande kam und wenn ja, was konkret besprochen worden ist, ist nicht überliefert.

Neue Tagespost, 14. Februar 1964 und Reaktionen des Stadtdirektors Vosskühler und Oberstadtdirektors Fischer.

Beitrag der Neuen Tagespost vom 14. Februar 1964 sowie Reaktionen des Stadtdirektors Vosskühler und Oberstadtdirektors Fischer
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 62.

Fuß in der Tür

Die Verbindung zur Landesregierung war hergestellt, der Wunsch nach einer Universität ließ sich vorerst aber nicht erfüllen, vor allem aufgrund der angespannten Finanzlage des Landes Niedersachsen. Jedoch ergab sich an anderer Stelle eine neue Möglichkeit: Die Stadt hatte es mittlerweile ins Auge gefasst, die 1949 gegründete und seitdem mäßig besuchte Hochschule für Sozialwissenschaften in Wilhelmshaven als Keimzelle für eine Universität nach Osnabrück zu holen. In einem Schreiben Fischers an die ehemalige Leiterin des Schul- und Kulturausschusses in Osnabrück, Carla Woldering, bittet er sie dieses Vorhaben mit dem Staatssekretär Müller zu besprechen.5 Doch auch dieser halbherzige Versuch scheiterte, 1962 wurde die Hochschule in die Universität Göttingen eingegliedert. Noch im Januar 1963 bekräftigte Müller gegenüber Fischer, dass eine zweite Landesuniversität untragbar sei. Fischer resümierte: "Ich halte daher vorläufig einen entsprechenden Antrag für aussichtslos."6

Wie Hohn muss es dem Osnabrücker Oberstadtdirektor vorgekommen sein, als er im Februar 1964 in der Neuen Tagespost einen Artikel über die Etat-Debatte des Kultusministeriums las: "Auch Kultusminister Dr. Mühlenfeld sprach sich für Oldenburg als Standort einer zweiten Landesuniversität aus. […] er wünsche die Universität sowohl privat als auch als Kultusminister ´aus verschiedenen Gründen´ in Oldenburg. Er halte es jedoch für möglich, daß der Untersuchungsausschuß […] zu einem anderen Ergebnis komme."7 Diese Aussage verdeutlicht die eingangs erwähnte Überraschung über das Osnabrücker Anliegen Universitätsstadt zu werden. Gleichwohl zeigt es aber auch, dass der Untersuchungsausschuss – damit ist die Leussink-Kommission gemeint, welche seit 1963 unter ihrem Vorsitzenden Hans Leussink die Standortfrage einer zweiten Landesuniversität klären soll – bereits einige Zeit gearbeitet hat, ohne Osnabrück zu berücksichtigen. Hatte die Stadt insgesamt zu wenig für ihren Wunsch getan?

  1. Vgl. ebd., Blatt 5f.

  2. Ebd., Blatt 61.

  3. Ebd., Blatt 62.

Schreiben von Oberstadtdirektor Fischer an Stadtdirektor Vosskühler, 25. Mai 1964.

Schreiben des Oberstadtdirektors Fischer an Stadtdirektor Vosskühler, 25. Mai 1964
Quelle: NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 89f. 

Aufgeschobene, aber nicht aufgehoben

Am 22. Mai 1964 machte sich Oberstadtdirektor Fischer abermals ins niedersächsische Kultusministerium auf, um einen Statusbericht durch Staatssekretär Müller einzuholen. Dieser betonte die angespannte Finanzlage. Die Beteiligung Niedersachsens an einer ins Auge gefassten Universitätsgründung in Bremen, der Ausbau der Universität Göttingen und die Gründung einer medizinischen Fakultät in Hannover hätte eine Neugründung in den nächsten zehn bis 15 Jahren unmöglich gemacht. Dennoch sei es wichtig, Planungen für einen neuen Universitätsstandort vorzubereiten. Seiner Meinung nach kämen nur Hannover oder Osnabrück infrage. Oldenburg scheide aufgrund seiner Nähe aus, wenn in Bremen eine Universität gegründet werden sollte. Gleiches gelte für Osnabrück, wenn in Bielefeld eine Universität gegründet werden sollte – dies sei aber noch nicht entschieden.8  Nun gab Müller der mittelgroßen Stadt Osnabrück, die er 1961 aufgrund ihrer Größe noch aus dem Kreis der Universitätsanwärterinnen ausgeschlossen hatte, wieder Hoffnung.

Fischer schlussfolgerte aus dem Gespräch, dass "die spätere Gründung einer Universität in Osnabrück nicht aussichtslos"9 sei. Müller gab ihm zudem den Rat, Prof. Wortmann von der Technische Hochschule Hannover aufzusuchen. Dessen Arbeitsgruppe könne, so der Vorschlag, möglicherweise dazu gewonnen werden, ein Standortgutachten für eine Universität in Osnabrück zu erstellen.

  1. Vgl. ebd., Blatt 89f.

  2. Ebd., Blatt 90.

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Inhaltlich verantwortlich: Benjamin Rosenstengel

[1] NLA OS, Dep 3 c, Akz. 17/1994 Nr. 1, Teil I, Blatt 72.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd., Blatt 2.

[4] Vgl. ebd., Blatt 13–59. Oberstadtdirektor Fischer blieb dies nicht verborgen. Er zog den Schluss, dass nach den Ausführungen Müllers weder Osnabrück noch Oldenburg als Universitätsstandorte infrage kämen. Er hoffte daher auf ein baldiges Gespräch mit dem Staatssekretär (vgl. ebd., Blatt 60). Ob es zeitnah zustande kam und wenn ja, was konkret besprochen worden ist, ist nicht überliefert.

[5] Vgl. ebd., Blatt 5f.

[6] Ebd., Blatt 61.

[7] Ebd., Blatt 62.

[8] Vgl. ebd., Blatt 89f.

[9] Ebd., Blatt 90.