Die Anfänge der Geschlechterforschung an der Universität Osnabrück

Vorlesungsverzeichnis Sommersemester 1976

'Sexualität und Partnerschaft als Frage und Thema einer theologischen Ethik' im Vorlesungsverzeichnis des Sommersemesters 1976
Quelle: Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1976, Osnabrück 1976, S. 149.

Vorlesungsverzeichnis Sommersemester 1977

'Jesus der Mann' im Vorlesungsverzeichnis des Sommersemesters 1977
Quelle: Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1977, Osnabrück 1977, S. 149.

1976 wurde  der Gießener Soziologin Helge Pross in Osnabrück der Deutsche Sachbuchpreis verliehen für ihr Werk 'Die Wirklichkeit der Hausfrau'. "Bei einer öffentlichen Veranstaltung erläutert sie [Gießener] ihre Arbeitsergebnisse und erntet als Dank schärfsten Protest von Studentinnen und jungen Lehrerinnen. Tenor: Wir fühlen uns als Frauen diskriminiert. Was Pross zu sagen hat, paßt [sic!] nicht in die Kampfphase der Frauenbewegung damals; es ist ideologisch sozusagen unsauber, kein feministisches Feldgeschrei, sondern nüchterne Analyse. Mit dem Sachbuchpreis ehren allerdings der Deutsche Bibliotheksverband und die Stadt Osnabrück eine Hochschullehrerin, die Frauenforschung betreibt; Die Universität ist es nicht, denn diese reibt sich an anderen Dingen."1 

Anders als es Wendelin Zimmer 1999 darzustellen versuchte, betrieb aber auch die Universität Osnabrück 1976 zu einem gewissen Maß bereits Frauenforschung. In den Vorlesungsverzeichnissen der frühen Jahre der Universität lassen sich in der Lehre durchaus Inhalte finden, die sich in den Kontext der Geschlechterforschung verorten lassen. Beispielsweise fand im Sommersemester 1976 eine Veranstaltung statt mit dem Titel 'Sexualität und Partnerschaft als Frage und Thema einer theologischen Ethik'. Der Beschreibungstext der Veranstaltung durch den Dozenten Klaus Künkel verdeutlicht die Relevanz des Themas für die universitäre Lehre in den Frühjahren der Osnabrücker Universität: "Die Normen wandeln sich. Was gestern noch verboten war, ist heute erlaubt. Sexualität ist in die freie Verfügung eines jeden Menschen gestellt. 'Mein Bauch gehört mir'. […] Wie findet die christliche Sexualethik ihre Normen angesichts heutiger Probleme, die unsere eigenen sind: Veränderte Rollenerwartungen an Mann und Frau, Empfängnisverhütung usf.?"2 Ein Jahr später setzte Künkel seine Veranstaltungsreihe mit dem Seminar 'Hanna Wolf: Jesus der Mann' fort: "Gegen das einseitige rein maskuline Jesusverständnis abendländischer Theologie […] helfen die Auslegungskategorien Jungscher Tiefenpsychologie. […] Er war 'der erste integrierte Mann', der seine Anima, das heißt seine weiblichen Seelenanteile nicht verdrängte und verteufelte und der darum auch den Frauen seiner Umwelt unverkrampft und ohne sie zu verteufeln und zu verachten begegnen konnte."3 Geschlechterfragen wurden in dieser Zeit nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Germanistik behandelt: Neben den Forschungstätigkeiten von Professorin Irmgard Röbling, die sich zwischen 1972 und 1988 an der Universität Osnabrück vor allem mit der Rolle von Frauen in der Literatur und Literatur von Frauen forschend auseinandersetzte, sei hier beispielhaft auf das Seminar 'Methoden der Film- und Fernsehanalyse' verwiesen, in dem die Darstellung von Frauen im Fernsehen und das Rollenangebot durch Fernsehprogramme untersucht werden sollte.4 

Die Frauen- beziehungsweise Geschlechterforschung war also durchaus auch in den frühen Jahren schon vereinzelt an der Universität präsent und hat sich seitdem langsam immer weiter an der Universität Osnabrück etabliert. Einen reinen Studiengang Gender Studies gibt es in Osnabrück, im Gegensatz zu vielen anderen Universitäten, bis heute zwar nicht, jedoch existiert seit 2016 die Forschungsstelle Geschlechterforschung, in der interdisziplinär an genderbezogenen Fragestellungen gearbeitet wird.

  1. Wendelin Zimmer: Turbulente Zeiten. Ein Lesebuch zur Geschichte der Universität Osnabrück, Osnabrück: Univ.-Verl. Rasch 1999, S. 137.

  2. Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1976, Osnabrück 1976, S. 178.

  3. Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1977, Osnabrück 1977, S. 149.

  4. Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2006/029 Nr. 41.

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Inhaltlich verantwortlich: Anna Schlutter

[1] Wendelin Zimmer: Turbulente Zeiten. Ein Lesebuch zur Geschichte der Universität Osnabrück, Osnabrück: Univ.-Verl. Rasch 1999, S. 137.

[2] Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1976, Osnabrück 1976, S. 178.

[3] Universität Osnabrück: Personal- u. Veranstaltungsverzeichnis SS 1977, Osnabrück 1977, S. 149.

[4] Vgl. NLA OS, Dep 103, Akz. 2006/029 Nr. 41.